Die Spirale brechen

Ich möchte ein weiteres Thema ansprechen, welches mir auf dem Herzen liegt und welches immer noch weggeschoben wird, obwohl es so weit verbreitet ist und längst nichts mehr Ungewöhnliches ist.

Und bei dem Thema möchte ich wieder verschiedene Thesen und Fragen aufgreifen, die natürlich die gesamte Thematik ein bisschen strukturieren, aber auch auf dem Punkt bringen.

Magersucht.

Was ist das?

 

Die Magersucht, Anorexia Nervosa, ist eine Essstörung und auch eine psychosomatische Krankheit. Wie der Name es schon vermittelt, leidet man unter einer Sucht des Abmagerns. Auf verschiedenen Wegen, wie Sport und Hungern, wird das Körpergewicht reduziert. Hierbei spielt das Erbrechen wie bei der Essstörung Bulimie (Bulimia Nervosa) eine geringere Rolle. Menschen, die unter einer Anorexie leiden, haben zuerst das Ziel so dünn wie möglich zu werden. Dieses einst gesetzte Ziel bleibt erhalten, wird jedoch zu einer Sucht, die außer Kontrolle gerät.

Medien verursachen falsche Ideale und Körperwahrnehmungen

 

Ja und Nein. Die Medien machen vieles und trotzdem ist man Herr über seinen eigenen Körper. Das heißt die Ursachen und Gründe liegen viel tiefer vergraben.

Was sind die Gründe und warum wird man magersüchtig?

Beschreiben kann man es unter anderem so, dass Betroffene etwas in sich hineinfressen und dadurch ‚satt’ sind. So verzichten sie auf reelle Nahrung, weil sie sich schon voll fühlen. Eine Sucht, die durch eine Droge (hier das Hungern) verursacht wird, ist wie eine Flucht anzusehen. Magersüchtige flüchten sich weg von der Wirklichkeit.

Der Drang nach einem dünnen Körper ist meist nur ein Symptom und nicht die Ursache, denn die liegt weiter zurück im Lebenslauf. So können bestimmte Ereignisse und Erfahrungen im Kindesalter zu einem gestörten Verhalten führen. Um dem auf dem Grund zu gehen, ist eine Therapie sinnvoll. Denn, meiner Meinung nach, kann man so eine Sucht erst bekämpfen, wenn man sich der Ursachen und Gründe bewusst ist.

Des Weiteren bietet die Essstörung Kontrolle über sich selbst. Man hat es selbst in der Hand, was man mit dem eigenen Körper macht oder eher nicht macht. Diese Kontrolle löst ein Machtgefühl aus, welches man vielleicht sonst im Leben nicht verspürt hat.

Betroffene vergleichen sich oft mit ihrem Umfeld und somit spielen die Medien auch eine Rolle. Körperideale haben sich geschichtlich gesehen schon immer verändert, aber auch als mollige Menschen für attraktiv gehalten wurden, gab es schon die Magersucht. Nur hatte man erstens früher keinen Namen dazu und zweitens sprach man nicht darüber. Sieht man heute sogenannte Mager-Models in den Medien, kann es Ideale verändern und Essstörungen verstärken. Alles eine Frage der Zeit. Wer weiß, vielleicht ist es bald wieder Trend mehr Speck auf den Hüften zu haben- was ich unterstützen würde.

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Wie fängt man an und was löst es aus?

 

Kurz gesagt fangen Betroffene schlichtweg an ihre Nahrungszufuhr peu à peu zu reduzieren, um das Gewicht zu minimieren. Damit dies schneller geht, wird zusätzlich Sport getrieben und weitere Mittel und Wege gesucht, die ich nicht alle aufzählen möchte.

Essgestörte verlieren den Genuss nicht nur am Essen, sondern allgemein am gesamten Leben. Etwas mit Freunden zu unternehmen wird schwerer und allgemein das soziale Umfeld schränkt sich ein.

Durch die Mangelernährung werden das Gehirn und der gesamte Körper mit nicht genügend Energie versorgt. Das führt zu Schwankungen der Emotionen und Begleiterscheinungen wie Depressionen und Selbstverletzungen sind nicht untypisch. Selbstzerstörerisches Verhalten ist auch eine Essstörung. Was passiert mit dem Körper? Beim Hungern steigt die Müdigkeit und der Körper wird kalt, man friert selbst bei normalen Temperaturen. Außerdem kann es dazu führen, dass die Menstruation der Frau ausbleibt. Haare werden strohig, Nägel splittern ab, die Haut wird trocken und langfristig gesehen bauen sich Knochen ab und es bleiben Schäden an den Organen. Hierbei möchte ich noch hinzufügen, dass ich kein Arzt bin und nur aus meiner eigenen Erfahrung und meinem errungenen Wissen durch Therapien sprechen kann.

Magersüchtige werden Profis im Lügen. Irgendwie möchte man es geheim halten und so versucht man sich zu rechtfertigen, warum man dünner wird und zum Beispiel unter Freunden nichts isst.

Sprich der Körper geht kaputt, die Psyche erst recht und oftmals noch das soziale Umfeld.

Auf die Psyche, besser gesagt auf die Gedanken und Gefühle möchte ich im nächsten Abschnitt näher eingehen.

100% Essstörung

 

Ich kann mich daran erinnern, dass ich in einer Einzeltherapiestunde ein Kreisdiagramm aufzeichnen sollte. Diesen sollte ich dann bezüglich meiner Gedankenthemen unterteilen. Ich wollte ehrlich zu mir selbst sein. Circa Dreiviertel des Kreises bekam den Titel Ana (Kosename und Kurzform von Anorexia Nervosa).

Man kann es sich vorstellen wie eine Stimme im Kopf, die ich persönlich immer Teufel nenne. Der Teufel redet zu mir, aber ich kann ihm nichts sagen. Er verflucht mich, zählt Kalorien, achtet auf die Nahrungszufuhr und auf mein Spiegelbild. Dieser Teufel hört nicht auf zu reden, rund um die Uhr schreit er essgestörte Gedankengänge.

Egal ob du in der Bahn sitzt, mit jemanden redest, morgens aufwachst oder einschlafen möchtest- der Teufel ist präsent.

Das führt natürlich dazu, dass man passiver wird, versunken wirkt und sich auf nichts richtig konzentrieren kann. Denn nur Eines ist wichtig: Ana.

Wie man sich dann fühlt? Wie ein Kartoffelsack, ein Walross und wie ein wertloses, fettes Wesen. Es ist wahrscheinlich schwer nachvollziehbar eine so genussreiche Sache stetig mit etwas Schlechtem in Verbindung zu bringen, doch genau so ist es. Essen wäre es Sünde. Die Gedanken reichen weiter bis hin zur Körperwahrnehmung. Automatische Gedanken, die nicht hinterfragt werden kommen wie ein Pop- up Fenster in deinem Kopf hervor. „Ich bin zu dick“. „Ich bin es nicht wert“. „Ich genüge nicht“. Im Allgemeinen wird der Körper als schlecht wahrgenommen, was sich auf das ganze Befinden der Person ausübt und sogar auf den Charakter übertragen wird. Dann ist nicht nur das Äußere, sondern auch das Innere negativ.

 

Diese Gedankengänge gehen weit über das Thema Essen hinaus und beinhalten auch soziale Ängste, geringes Selbstwertgefühl und Zweifel.

Mit dem Chaos im Kopf fühlt man sich weniger gut, mehr schlecht. Ausgeschlossen vom Rest der Welt kämpft man zusammen mit der Magersucht.

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Unheilbare Krankheit

 

Die Anorexia Nervosa, sowie andere Essstörungen gehören zu den psychosomatischen Krankheiten. Aus diesem Grund ist es besonders schwer die Krankheit hinter sich zu lassen.

Neben der stationären Therapieform, kann man auch eine ambulante wahrnehmen. Therapieren lassen, ist klar. Aber werden diese Gedanken und Gefühle jemals verschwinden?

Wenn ich das wüsste. Nein, ganz ehrlich. Ich glaube, dass die Essstörung immer in einem sitzen wird. Nur es ist die Kunst die Spirale zu brechen und die Kontrolle über Ana zu haben und nicht umgekehrt. Ich selbst kann aus eigener Erfahrung sagen, dass ich den Teufel hören kann. Manchmal gibt es Wochen, da höre ich ihn nur ganz leise wimmern. Und dann kommt wieder eine Zeitspanne, in der ich ihm unterliege und stillschweigend gehorche. Es ist abwechslungsreich und trotzdem nervenraubend. Ich könnte mir, jetzt nach circa fünf Jahren Essstörung, nicht vorstellen ohne diesen Teufel zu leben. Das macht mir Angst, aber ich weiß auch, dass ich die Kontrolle habe- mal mehr und mal weniger.

Und mit Stolz kann ich auch hinzufügen, dass das soziale Umfeld eine enorme Unterstützung bieten kann, nicht nur eine Therapeutin.

Das bringt mich dazu niederzuschreiben, dass ihr den Mund öffnen solltet. Habt keine Angst über solche Krankheiten zu sprechen.

Ich empfand es manchmal für sehr anstrengend und ich wollte mich oft nicht offenbaren, aber im Endeffekt tat es mir gut. Selten stoß ich auf Unverständnis oder Groll.

Ich möchte den Text nun beenden, obwohl ich das Gefühl habe zu wenig gesagt zu haben. Ich hoffe, dass es verständlich war und ich Menschen inspiriert habe.

Haltet euch nicht zurück mit Fragen oder Ergänzungen!

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2 Antworten auf „Die Spirale brechen

  1. Anne,
    ich will und kann diesen Eintrag nur unterschreiben. Du triffst es auf den Punkt. Die Krankheit, der Teufel – Es ist wahr und es ist verdammt schwer, den Teufel und die Gedanken in die Schranken zu weisen. Die Magersucht ist ein Thema, mit dem sich die Menschen auseinandersetzen müssen. Auch wenn Mitmenschen einen Betroffen nur schwer verstehen können („Du musst doch einfach nur essen“ etc.), so ist es doch wichtig, dass man ihn unterstützt und vor allem ernst nimmt. Es geht nicht um Aufmerksamkeit. Wie Du bereits geschrieben hast, findet man die Ursache/Ursachen für die Krankheit meist im Lebenslauf. Also bitte: Seht nicht weg und achtet auf euch und eure Bekannte.
    Fühl Dich umarmt
    Victoria

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