Ihr habt mich in die Welt gesetzt. Irgendwann, vor mehreren Jahren, war es soweit und ich schlüpfte empor und saß nackt auf dem kugeligen Planeten.

Ihr habt mich gezeugt und wohl habt ihr euch gefreut so einen kleinen Scheißer nun in den Händen halten zu können. Doch habt ihr euch wirklich über meine Scheiße gefreut?

Das wäre nämlich eure Aufgabe gewesen. Ja, als Eltern hat man die Verantwortung für einen stetig sauberen Babyarsch zu sorgen, Babybäuche zu füllen und jede Minute Liebe und Zuneigung zu zeigen.
Dass mein Arsch dreckig war und ich Hunger hatte, will ich damit nicht sagen. Nur Letzteres, dass mit der Liebe und so- müssen wir nochmal üben. Nein, nicht wir. Ihr.
Eure Generation ist eine der besonderen Art. Ihr hattet quasi nichts, musstet arbeiten bis zum umfallen und am Ende hat es niemanden gejuckt. Der Lob fehlte, obwohl ihr euch so Müde gegeben habt. Denn dann war ja die Mauer weg und ihr bliebt die Trottel des Landes.

Aus der Besitzlosigkeit, mangelnden Liebe und Arbeitsmüdigkeit kristallisierte sich dann euer kindliches Verhalten heraus. Euch fehlt etwas.
Irgendwie steckt ihr immer noch mit dem Geiste beim Grundschulkind fest. Denn Grundschulkinder fangen erst an alles als ‚Meins‘ zu bezeichnen und nehmen sich so viel sie können bis sie später bemerken, dass man teilt und dies auch heilende Kräfte hat.
Ihr teilt nicht. Ihr nehmt.

maxanne
Ihr seid Menschen in einer Generation, die Angst haben wieder alles zu verlieren und die nie gelernt haben Empathie weiter zu geben. Ihr möchtet wie kleine Kinder gelobt werden. Das Problem dabei ist der Rollentausch (was der Staat apropos damals gut beeinflusst hat). Denn eure Kinder wollen und brauchen tatsächlich mindesten doppelt so viel Lob, Zuneigung und Empathie, um ihr Leben erfolgreich zu meistern.

Geschenke machen, dem Kind ein Hobby ermöglichen und zusammen in den Urlaub fahren. Mir ist bewusst, dass das längst nichts mehr Alltägliches ist. Viele Kinder träumen jede Nacht davon. Aber es gibt auch Kinder, die dies bekommen.

Wo liegt dabei das Problem?

Irgendwann bekommen die Kinder dies von euch Eltern vorgehalten. Da kommen Sätze aus dem Munde wie „damals habe ich ja das für dich getan, jetzt kannst du ruhig mal jenes für mich machen“ oder „beschwere dich nicht, schließlich durftest du dies und jenes tun“.
Was entdecke ich denn da? Da wächst im Kind ein starkes, pralles Schuldgefühl. Oh weh, wo ist denn das Selbstwertgefühl? Es ist ja gar verschwunden und dafür entstehen blasse Wunden.
Ihr habt Kinder in die Welt gesetzt, die keine Schuld an eurer Kindheit oder an der Welt tragen- das sei erstmal laut gesagt.
Ihr habt Kinder gezeugt, die es verdammt nochmal verdienen geschätzt zu werden, nicht nur mit materiellen Dingen. Sondern auch mit Lob, Zuneigung und Empathie.
Bildung und Nahrung sollten hierbei selbstverständlich sein und keine Themen über die erst gestritten werden muss.
Nur weil ihr vielleicht weniger Möglichkeiten und materiellen Krams hattet, heißt es nicht, dass das Liebe und Empathie ersetzt.

2017-11-07 21.21.45

Und ja, Kinder kosten Geld. Hättet ihr euch eher überlegen müssen. Was seid ihr denn für Menschen, die denken Kinder sind billig. „Naja, wenn die 18 Jahre alt sind, fliegen die eh aus dem Haus“. Könnt ihr vergessen. Umso älter, desto teurer die kleinen/großen Scheißer. Dann greift euch an den Kopf und überlegt, wie es euch damals erging.

Ihr habt euch auch Eltern gewünscht, die euch wert schätzen- also gebt das euren Kindern auch weiter.

Ich sitze hier in einer großen Stadt. Meine Eltern getrennt im Dorfe. Keine Festlichkeiten, kein „Wie geht es dir“ und keine Unterstützung für meinen Bildungsweg.
Ich sitze hier und weiß nicht, wie ich fortfahren soll.
Ich weiß, dass es auch ganz tolle Eltern gibt. Und das dies nicht nur auf die DDR zurückzuführen ist, ist mir auch klar.
Aber es lässt sich nun mal nicht bestreiten, dass diese Eltern einen Knacks haben. Aber dies sehen sie nun mal nicht ein. Legt doch mal euren Stolz ab. Es ist vorbei.

Eure Kinder brauchen euch. Sie brauchen euch als Herzdamen, Heimat und Herdbefüller.
Und sie brauchen keine Schuldgefühle, keine Tritte von oben und keine verschlossene Haustür.

Ich sitze hier in einer großen Stadt, verletzt und allein.

Aber ich sitze bei zwei Freunden, die mir sagen, dass ich es wert bin. Das ich mich frei entfalten darf, dass ich mir selbst wichtig sein darf und ich gemocht werde.
Ich sitze hier zwischen zwei Freunden, die selbst schlechte Erfahrungen mit ihrem Elternhaus gemacht haben und mir nun die Augen öffnen, wie es laufen kann und soll. Sie hatten nicht den Mut ihren Eltern zu schildern, was sie fühlen. Aber sie geben mir mit auf dem Weg, dass ich all Stärke besitzen kann, um mein Leben anzupacken, meine Zeit mit den Menschen zu verbringen, die mich schätzen und um meinen Eltern meine Gefühlswelt mitzuteilen.
maxanne2

3 Kommentare

  1. Ich kann dich so, so gut verstehen.
    Mir ging es ähnlich.
    Auch ohne DDR.
    Wir fuhren nie in Urlaub.
    Nicht ein einziges Mal.
    Gar nichts.
    Niemand spielte mit mir
    Es hieß ich solle mich einfach nur beschäftigen.
    Niemand förderte mich.
    Niemand lernte mit mir.
    Niemand brachte mir irgendetwas bei.
    Gar nichts.
    Statt dessen war ich ein Schlüsselkind.
    Meine Mutter arbeitete von 6 – 20 Uhr
    seit der Grundschule und ich war immer alleine.
    Ich erzog mich selbst oder man erzog mich gar nicht.
    Das ist Auslegungssache.
    Machte ich etwas falsch dann wurde ich geschlagen.
    Für alles andere war keine Zeit.
    Natürlich war das auch für meine Mutter nicht leicht.
    Mein Vater der war ja gar nicht da.
    Der saß hinter Gittern.
    Aber es wurde gar nicht versucht etwas besser zu machen.
    Das stand gar nicht zur Option.
    Niemand zeigte mir irgendeinen Weg.
    Man zeigte mir gar nichts.
    Das Schlimme daran ist dass ich das als Kind gar nicht begriffen habe.
    Einsamkeit war so normal dass ich nie einsam war.
    Es war einfach nur niemand da.

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    1. Das sind sehr berührende und ehrliche Worte, danke dir dafür! Die Vergangenheit kann man nicht ungeschehen machen, es ist eine Kunst sich die Gegenwart so schön wie möglich für sich selbst zu gestalten. Manchmal, vielleicht, sollte man einen Hacken setzen und sich auf das was kommt konzentrieren. Ich bin guter Dinge, dass auch du einen für dich angenehmen Weg gehen wirst, egal was dich durch deine Vergangenheit plagt/plagte. Köpfchen oben halten 🙂

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