Ich schrieb einen Brief, nein eigentlich waren es mehrere. Doch diesen Brief schrieb ich an einem sehr besonderen Ort. Maro. Maro ist ein Dorf in Spanien im Süden, östlich von Málaga. Ein Dorf, wo es einen Strand gibt mit Schilfhäusern, bunten Steinen, tobenden Wellen und vielen offenen Menschen. Man könnte diesen Strand schon fast Kommune nennen und dort an diesem Strand lebte ich, ja ich lebte, für mehrere Wochen.

Und eines Tages kamen neue Leute, Spanier, zum Strand und einer dieser Leute sah aus, wie ein Typ- Mensch, den ich versuche zu meiden und mich gleichzeitig freue oder es mich zufrieden stellt ihn zu sehen. Paradox. Wirr. Unverständlich? Ja, genau an diesen Typen ist der Brief. Also den ursprünglichen Typen, denn der Spanier am Strand Maros kann nichts für meine unbewusste Einteilung dieser dunkelhaarigen Männer, welche für mich alle so aussehen, wie der Eine, der Addressat.

Lieber Mensch. Lieber Freund. Lieber Fremder und Feind. Lieber Zärtlicher und Zuhörer. Lieber Egoist und Gewalttätiger.

Lieber Mensch,

ich war und bin es heute noch, durch und durch verblüfft von dir. Ja, ich konnte es gar nicht fassen und wollte es auch nicht, dass du wusstest meine innere Sicht. Es lag zwar auf der Hand oder vielmehr auf meinem Arm, aber nicht so durchschaubar, wie du es aussehen ließt. Hast mich ertappt und um den Finger gewickelt. Woher wusstest du, dass ich solche Ängste besaß? Woher wusstest du, dass ich dir zuhören und helfen mag?

Ich nützte dir für Rachepläne, für Befriedigung deines wohl nie zu stillenden Hungers, für Mitfahrgelegenheiten und einsame Stunden, um die Einsamkeit im fremden Land zu bewältigen. Nein, du kamst nicht von hier, umso interessanter für mich. So sag ich dir, du nütztest mir auch, um meine Lust des Helfens zu stillen und eine herausfordernde Aufgabe zu haben und zu erfüllen. Erfüllte ich sie?

Du, du Mensch. Du wolltest mich für dich und ich frage mich bis heute, denn auf dein Wort ist kein Verlass, ob du nach Zeit immer noch Rachepläne hattest oder Ernst auf deiner Stirn stand. Keines von beiden jedoch lindert den Schmerz in mir und zwischen meinen Beinen. Ich sollte dir gehören. Du wolltest meine Hände fassen, meine Zigaretten zu Ende rauchen. Du wolltest deine Hände um meinen Kopf schlingen. Doch, was wollte ich? Lieber Mensch, ich wollte dich. Ja, aber. Aber nicht so, wie du mich.

Du warst eindringlich und hattest eine Wut. Ich verglich dich stets mit einem Vulkan. So schön anzusehen mit deinem dunklen langen Haar. So schön und ausstrahlend, so lebendig. Und dann poltert es, dann knallt es und du brichst aus. Meldete ich mich nicht bei dir, so war ich verdammt und zum Tode verurteilt.

Du warst, wie ein Vulkan.

Und trotzdem blieb ich dir nie lange fern. Auch nicht am Tage, als ich dich besuchen kam. Wir teilten, heilten und aßen. Ich zeigte dir die Schönheit der Natur und du mir, wie man sich fühlt, wenn man machtlos ist.

Schuhe an. Sachen gepackt. Wollte wegfahren.

Ins Zimmer eingesperrt. Schuhe aus. Tasche entleert. Du wolltest mich nicht gehen lassen.

Ich vergesse dich nicht, Mensch. Ich vergesse nicht deinen nackten Leib, deine nie zu Ende gerauchten Zigaretten. Ich vergesse nicht deine großen Hände, deinen Versuch mich still zu legen.

Ich frage mich, wie ich entkam, wie ich im Auto zu meinem Bruder nach Hause fuhr. Wie ich dich nochmals sah, ohne das ich in Tränen ausbrach. Und ich frage mich, was du dabei dachtest. Dachtest du mir gefällt sowas? Dachtest du, ich bin so schwach, wie ich erschien? Zu stark, um zu verzeihen. Zu schwach, um böse zu sein.

Nein, Mensch. Wenn ich dich nun sehen würde. Ich würde dich gern umarmen. Ich schiebe keine Schuld und sehe kein Urteilsrecht. War es einfach mein Pech? Und jede gestellte Frage steht in Klammern, denn diese Fragen bringen dir und mir nichts.

Ich bin auf Reisen gegangen, einer der Gründe warst du. Und nun bist du hier und ich noch dazu. Ich habe dich lieb und ich hasse dich.

Dein Stern, der am Tage nicht erkennbar ist.

Und als es geschah und ich vergaß, lebte ich als wäre nichts passiert. Heute weiß ich, dass es mich beeinflusste. Bindungsängste. „Please do not touch me“ stand auf meiner Stirn. Und als es geschah und ich vergaß, kam es trotzdem in mir hoch und ich spürte die Lava, deine Lava in mir. Verbrannt von innen und vernarbt von Außen.

Manchmal fing ich an Tränen zu produzieren, heute weiß ich warum sie in bestimmten Momenten empor traten.

Du, Mensch. Du hast mich geprägt. Du hast es veranlasst, dass ich manchmal gern ein Schloss für meinen Unterleib hätte. Du hast dich in meinen Kopf gedrängt mit all Wut und Gewalt. Und ich Eulenwesen habe dich hineingelassen Ich schiebe keine Schuld und sehe kein Urteilsrecht. Dann kommt es wieder hoch.

Ins Zimmer eingesperrt. Schuhe aus. Tasche entleert.

Auf mich gekniet.

Worte von dir: „Boys do not like it when girls close the gates“

Strampeln.

Kannst du dich an mein strampeln erinnern? Und dann? Hattest du dann Mitleid? Habe ich Sympathie für dich übrig, weil du mich dann doch gehen lassen hast? War das dein Plan? War das alles geplant?

Atmen.

Durch und durch verblüfft von dir.

Und ich dachte ich muss schweigen, obwohl ich reden könnte, als wäre ich nur Beobachter. Weil eben alle schweigen und ich, so wie ich nun mal bi, lasse mich verblüffen. Doch nun werde ich reden, erzählen und mitteilen, was geschah, wenn mir danach ist. Ich kann es nicht ändern und nicht versuchen zu schlucken, auch wenn du es gern so hättest. Ich habe dich trotzdem gern und ich hasse dich.

Dein Stern, der am tage erlischt und zur Sonne erhellt.

Der Brief geht noch weiter. Bleibt dir die Luft aus oder hast du noch die Ausdauer, wie letztes Mal, als du standhaft bliebst?

Ich möchte dir noch sagen, dass ich bereit bin zu verzeihen, obwohl in mir Wut und Schmerz sich von meinen Innereien ernähren. Ja, du frisst mich von innen auf. So ganz langsam. Und ich spüre, wie du manchmal satt bist. Dann tut es nicht mehr weh. Und dann, Zeit vergangen, hast du einen Fressanfall, als hättest du nichts zum überwintern gehabt. Und du saugst jeglichen Tropfen Blut aus meinen Adern. Dann wird mir kalt. Eisigkalt. Weil all pulsierendes Leben, wegen dir fehlt.

Stille deinen Hunger, ohne mich Ich bitte dich darum. Obwohl du nie auf meine Bitten gehört hast.

PLEASE STOP. STOP PLEASE. NO. (Erinnerst du dich?)

Und du wolltest scherzen. Für mich war es purer Ernst. Und ich bitte dich darum, bitte dich mich mit all Organ, Blut und Seel’ leben zu lassen. Zu stark, um zu verzeihen. Zu schwach, um böse zu sein.

Hier in Maro lebend, wie die Hippies am Strand. Ich ging auf Reise, um fern von dir zu sein. Und nun sitze ich hier und schreibe einen Brief an dich. Danke, du unendliche Inspiration.

Ich gebe zu, dass ich die Erwartung hatte über diese ganze Sache hinweg zu kommen, sobald ich in das erste Auto steige und an der Straße mit einem Pappschild stehe. Ja, du Mensch. Ich bin getrampt und saß bei Fremden im Auto und du konntest mich nicht davon abhalten. Ich bin selbstständig, ganz ohne dich. Ich brauche dich nicht.

Brauche ich dich?

Strampeln, atmen, Angst haben.

Ich habe bei dir geduscht. Mich ins Bad eingeschlossen, weil ich Angst hatte, dass du in meine 30cm platzt, nochmals.

Gestern lag ich im Sand und sah die Sterne und den Mond und ich sang. Ich sag dein Lied, welches beinhaltet: she’s still too young to treat. Bluten kennt kein Alter. Merk dir das, du Mensch. Du Unmensch.

Ich habe dich gern und ich hasse dich.

Dein Stern, der auch am Tage erkennbar ist.

AHU

oof
Dänemark, 2017 #analog

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