Über das Sein des Enkelkindes.

Damals.

Damals mochte ich es nicht zu meinen Großeltern zu gehen. Dort roch es komisch, ich musste viel essen und irgendwie wurde ich stetig missverstanden.

Heute.
Heute sind sie wie ein Zaunpfahl. Sie haben ihre Grenzen, aber lassen Platz für meinen Horizont.

Heute,

weiß ich es zu schätzen, wenn ich sie sehe und sie mich wiedererkennen, als ihr Enkelkind. Egal, wie deprimierend ich es empfand, dass ich mich nicht frei entfalten konnte und sie nicht meine Probleme teilten- tief in mir drin herrscht eine Vollkommenheit und die Vernunft zu verzeihen und sie als Teil meines Ichs anzusehen.

Besonders aber fühle mich mich in Gegenwart meines Großvaters wohl. Er war mir ähnlich; so bisschen ruhiger, so bisschen zurückgezogener und so bisschen reiselustig.

Und weil ich mich beim Briefe schreiben irgendwie am Besten ausdrücken kann, schrieb ich einen an meinen Großvater;

Wenn ich zu dir kam, dann schlief ich aufgeregt in deinem Bettchen, bewaffnet mit Wäscheklammern, um deine Nachtgeräusche aus Mund und Nase zu unterbinden. Wir schliefen unten im Haus, der Rest oben. Ich wachte aber immer ohne dich auf.

Wenn ich zu dir kam, stellten wir zusammen die Uhren. Du wusstest ganz genau, wohin wir die Zeiger drehen mussten, als wäre die Zeit bestimmt. Unsere Zeit war bestimmt und begrenzt. Es gab nur vor oder zurück. Doch, wenn wir die Zeiger drehten, hatten wir dennoch nicht weniger oder mehr Zeit. Ich verstand es nicht und erhoffte mir letzteres.
Wenn ich zu dir kam, hatte ich nie viel zu erzählen. Ich war ein stummes Kind, aber meine Ohren waren wissbegierig und hörten deinen zahlreichen Reisegeschichten zu. Du hast mich mit Abenteuerlust und Mut infiziert. Wegen dir schlummert in mir ein Verlangen nach Wärme und Exotik.
Wenn ich zu dir kam, stiegen wir oft ins Auto, stiegen am Strand oder in den Bergen wieder aus. Du führtest uns langsam ans entdecken heran, bei mir blieb es kleben und haften. Manchmal in den Zeiten am See im Sommer holte ich dir beim Kiosk für eine Münze eine bildreiche Zeitung und frische warme Brötchen, die wir zusammen am frühen Morgen nach dem Nacktbaden schlemmten.
Wenn ich zu dir kam, irgendwann kurz nach Weinachten, warst du plötzlich vom Esstisch verschwunden. Ich wollte da nicht ohne dich sitzen. Und mir war klar, als du verkleidet wieder ins Zimmer kamst, dass du es bist. Es war geschickt. Dein Kostüm, welches an den Weihnachtsmann erinnerte, war aber nicht gekonnt überlegt. Deine Nase, deine Ohren und besonders deine Hausschuhe verrieten dich. Mit deiner Peitsche standst du da und fordertest jedes einzelne Enkelkind aufzustehen, um sich das Geschenk  zu verdienen.
Letztes Jahr, das weiß ich noch, war es für mich nicht einfach. Eltern frisch geschieden und ein Familienfest feiern, passte mir nicht in den Sinn und so laß ich einen Text vor. Diesen Text schrieb ich während meiner Amsterdam Reise zu Weihnachten, weil ich mich innerlich über die Zerstrittenheit der Familie ärgerte.
Ich fragte mich, ob es bei dir ankam. Ob du es auch wissbegierig aufgenommen und verstanden hast.
Wenn ich zu dir kam, dann immer mit der Hoffnung deine Aufmerksamkeit zu erreichen, weil ich fest davon überzeugt bin, dir meine auch geben zu wollen. Der Wille muss vorhanden sein.

Ich bin im Hier, wenn ich zu dir komme.

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Ich weiß auch gar nicht so genau, was ich aussagen möchte. Ich habe gefühlt schon tausend Mal den roten Faden verloren. Aber das ist ok. Es ist ok.
Vielleicht möchte ich nur an unseren Ursprung erinnern, an unsere Eltern, Großeltern,…

An die guten Gefühle, die sie vermitteln können und wie viel man von ihnen lernen kann, meist unbewusst.

Ich wünschte mir manchmal ein besseres Verhältnis zu meinen Großeltern, aber es ist nicht zu spät. Manchmal, glaube ich, muss man einfach machen. Das klingt vielleicht banal, aber in meinem Kopf auch logisch.

Scan 6.jpeg
Zittauer Gebirge

1 Kommentar

  1. Oh was für ein schöner Beitrag 🙂 Ich finde es wichtig , sich auf seine Wurzeln zu besinnen und ich finde es gut, dass du sagst, dass es nicht zu spät ist, ein besseres Verhältnis aufzubauen 🙂Meines war auch immer etwas distanziert, bis vor einigen Jahren die Wende kam und heute kann ich mit meinen Großeltern über alles reden, wir haben ein freundschaftliches Verhältnis und ich bin dankbar, dass es die beiden in meinem Leben gibt ❤️
    Liebe Grüße, Kay.
    http://www.twistheadcatssite.wordpress.com

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