Ana auf Reise

Aufgrund meiner bevorstehenden Reise und der guten Resonanz bezüglich dem Thema Magersucht, kam ich auf die glorreiche Idee zu beschreiben, wie es mir erging/ergeht mit, wenn ich eine Reise plane oder schon unterwegs bin.

Eine Reise ging nach London 2012. Es war vielmehr eine Klassenausfahrt in den Herbstferien für fünf Tage.

Ich kann mich nur sachte daran erinnern, weil mein Gehirn nicht genügend Energie von mir bekam. Aber mit Gewissheit kann ich schreiben, dass es eine reinste Qual war. Ich habe mir zuvor schon Pläne in meinem Kopf gemacht, wie viel ich essen werde und was mein Zielgewicht nach diesen fünf Tagen sein wollte. Ich hatte damals mein Ziel erreicht und mich weiter „in die Scheiße geritten“. Und obwohl ich mir dessen bewusst war, dass es irgendwie nicht das Wahre sein kann, fuhr ich fort.

Meine erste kleine Reise mit dem Ziel Rumänien vor im Sommer gleichen Jahres. Ich flog mit meinen Eltern und zu dem Zeitpunkt wusste ich noch gar nicht, dass ich irgendwie krank war. Ich machte es einfach, dachte dabei recht wenig nach und lehnte dennoch bewusst das Essen ab, welches mir serviert wurde. Im Nachhinein sehr schade, da Rumänien wirklich sehenswert ist und ich wenig von meinem Umfeld aufsaugen konnte.

 

Die erste selbstgeplante Reise fand erst zwei Jahre später statt. Nachdem ich die Klinik verlas, glücklich verliebt war, ging es los zum Bodensee. Von außen schien ich gesättigt und vollkommen normal, innerlich zerbombten mich die essgestörten Gedanken. Ich wollte essen und ich tat es, aber jeder Bissen war mit negativen Gedanken, einer negativen Wahrnehmung und negativen Emotionen begleitet. Anschließend begann ich die Medikation mit Antidepressiva und mein Gewicht blieb plötzlich nach vielen Schwankungen stabil. Ich war schockiert, dass es plötzlich so schwer war abzunehmen, was mir letztendlich jedoch half die Reise nach Texas anzutreten. Hätte ich mein Gewicht nicht halten können, hätte ich erst gar nicht fliegen dürfen. Doch dieses Druckmittel hielt nicht lange an und somit kam ich mit einem geringeren Gewicht wieder in Deutschland an. Die erste Woche in New York City ging noch gut, aber die zwei darauffolgenden Wochen in Texas versuchte ich wieder krampfhaft abzunehmen. Heute denke ich mir, dass das ziemlich dumm von mir war. Mir vergingen so viele Eindrücke und Erlebnisse nur, weil ich in Gedanken woanders war und ich mich nur auf die Magersucht konzentrierte. So eine Chance kommt wahrscheinlich nie wieder. Damals war die Magersucht stärker, als ich.

Danach setzte ich die Pillen ab und es ging mit meinem damaligen Freund nach Frankreich. Wir planten einen Roadtrip und es lief wirklich gut. Ich konnte mich auf Baguette und Käse einlassen, ich konnte Wein mit Zucker trinken und später in der Schweiz zur Eiger Nordwand wandern. Ich war irgendwie fit und ‚dabei’.

Dennoch verließ mich nie das Gefühl, dass ich zu viel sei und ich hatte immer, wirklich immer, den Drang in mir wieder abzunehmen, bis heute noch.

Im Jahr 2016, welches folgte, begann ich das erste Mal meine kleinen Ausflüge selbst zu planen. Ich fuhr mal nach Prag, flog zu meiner Freundin nach London und letztendlich fuhr mich der Bus zu Weihnachten allein nach Amsterdam. In Amsterdam, bereits kurz vorher, hatte ich wieder mal einen Rückfall. Ich wandelte durch die Gassen, entlang den Grachten und durch die Weihnachts- und Winterzeit spiegelte alles meine Lage ganz gut wieder. Auf komische Art und Weise tat es mir gut dort zu sein und andererseits wusste ich, dass ich mich schon wieder „in die Scheiße reite“. Ja, ich hatte das Hungern zuvor geplant und ich zog es durch. Ich dachte nicht mehr dieses Durchhaltevermögen zu besitzen, aber diese wenigen Tage bewiesen mir das Gegenteil. Ich schaffte es, aber irgendwann im Januar 2017 nahm ich wieder zu und der Ekel gegenüber meinem Körper wuchs. Fünf Monate später wurde die nächste Reise geplant, meine Freundin und ich wollten trampen, was wir auch taten und es geling mir, obwohl ich Angst vor dem Zunehmen hatte. Nach all den Jahren habe ich mich an die Gedanken der Essstörung gewöhnt, ich könnte es mir nicht mehr ohne vorstellen. Somit habe ich mir auch gar keine großen Gedanken ehr vor dieser längeren Reise gemacht, weil es irgendwann keinen Unterschied mehr machte, wo ich bin.
Jedoch war diese Reise nach Spanien anders. Wir waren vollkommen auf uns gestellt und wir nahmen, was wir bekamen. Wir waren ehrgeizig und gleichzeitig spontan. Es überkam mich zu beginn, ungefähr den ersten Monat, eine gewisse Gedankenlosigkeit. Ich lebte schließlich auch ohne Spiegel, ohne Waage, sondern nur mit meinem Rucksack und meiner Freundin. Es hätte nicht besser laufen können. Am Ende der Reise kam jedoch wieder die Stimme der Anorexia Nervosa hervor, als hätte sie Winterschlaf gemacht und wäre plötzlich vor Hitze wach geworden. Somit fing ich wieder an meine Nahrungszufuhr zu reduzieren, meine Achtsamkeit dem zu widmen.

Wieder Zuhause angekommen.

Wieder ins Auto gehüpft und losgefahren, diesmal ging es in den Norden Richtung Rømø. Auf dieser Reise waren die essgestörten Gedanken anwesend, jedoch versuchte ich sie zu unterdrücken, um die Harmonie nicht zu zerstören und den Urlaub nicht zu gefährden. Vermeidungsverhalten bringt nur leider nichts, irgendwann holt es einen ein und kommt über einen, wie eine kalte Welle. So ganz plötzlich, unerwartet und unerwünscht.

Abgesehen von den selbstgeplanten Urlauben war ich auch zweimal im letzten Jahr mit meinem Vater im Skiurlaub. Skiurlaube machten sich schon von Anfang an perfekt für die Magersucht und ihre Pläne. Man ist den ganzen Tag sportlich unterwegs und verbrennt viele Kalorien. besser könnte es nicht sein. Zu der Zeit habe ich schon längst aufgehört mich auf die Waage zu stellen, davor habe ich eine viel zu große Angst entwickelt. Aber ja, die Skiurlaube nutzte ich, nein nutzte die Magersucht, schamlos aus.

In wenigen Tage werde ich wieder verreisen und ich hoffe dann berichten zu können, dass mich Ana in Ruhe gelassen hat.

Letztendlich kann ich sagen, dass wohl alle Reisebegleiter angenehmer sind als eine psychische Krankheit. Es ist absolut unverschämt von mir zu sagen, lasst sie einfach Zuhause, aber im Endeffekt ist es so. Es ist nur eine Last, obwohl man ja verreist, jedenfalls ich, um mal genau das Gegenteil zu bewirken- Länder und ihre Kulturen, ihre Natur und Menschen kennenlernen, Gedankenlosigkeit und das Genießen des Hier und Jetzt.

Ich war nie auf gutem Wege unterwegs, wenn diese grässliche Stimme in meinem Kopf lauter war, als sonst immer.

Und noch einmal, wie auch bei meinen Beiträgen zuvor über die Anorexia Nervosa, bitte ich euch Fragen zu stellen, wenn etwas unklar ist. Ich glaube, ich bin da so gewöhnt daran, dass ich oft vergesse Fragezeichen zu klären, die für mich alltäglich sind.

Noch kurz zu mir: Ich bin in Therapie, ja. Ich sehe nicht magersüchtig aus, nein. Ich bin nicht ‚geheilt’- psychische Erkrankungen gehen nicht mit einem Pflaster und einem Medikament weg und solche Erkrankungen finden im Kopf statt. Das wird manchmal im Strudel der Vorurteile und Klischees vergessen.

Bis Bald.

SAM_7221

2 Antworten auf „Ana auf Reise

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s