Begegnungen

#1
Angekommen am Bahnhof. Auf dem Rücken ein Rucksack, das Gesicht müde und die Ausstrahlung erloschen. Ich kam an, lief die Treppen des Bahnhofs hinunter und stieß auf Fußballfans. Im Gewühl zwischen schwarz-gelber Farbe und Polizisten, standen junge Burschen. Ich lief weiter, eigentlich schlicht an ihnen vorbei, aber ich wurde langsamer. Einer der Jungs bot mir einen 100 Euro Schein und rief mir zu: „Willst du mit mir ficken? Du siehst aus, als würdest du es gern mit mir tun! Bist du ein Tourist?“
Erschrocken und erschüttert lief ich mit einem knappen Kommentar weiter. Ich schüttle heute noch meinen Kopf.
#2
Nach einem Reisevortrag bewegten sich meine Beine Richtung Tram. Ich stand an einer Ampel, es war dunkel und wartete auf grünes Licht. Vor mir mitten auf der Straße stand ein Mann, der sich dann neben mich stellte und sein Verhalten korrekt kommentierte. Straßenverkehr ist gefährlich, ich stimmte ihm zu. Der Mann war sichtlich betrunken und darüber redeten wir auch, als wir die Straße überquerten. Wir blieben folglich an der Haltestelle stehen und führten ein interessantes Gespräch. Er erzählte mir von seiner Musikkarriere, wir unterhielten uns über das Denken und Spinnen in den Köpfen der Menschen. Irgendwann, als wir beide nebeneinander in der Tram saßen, fragte er mich, wie ich heiße. Mein Name, so sagte er, flößt ihm Respekt ein. Sein Name war der meines Exfreundes. Kein guter Start und der Verlauf unserer Unterhaltung wurde ab dann unangenehmer. Neben den zahlreichen Komplimenten, bat er mich um meine Telefonnummer, ein Treffen und Wiedersehen. Ich verneinte dankend. Sein nach Bier riechender Atem sollte nicht weiterhin in meiner Nase sein. Ich stieg aus. Er stieg auch aus. Er wollte mich heimbringen. Ich verneinte, blieb stehen und bat ihn zu gehen. Dies tat er aber nicht, sondern entgegnete mir mit: „Wenn ich jetzt keine Chance von dir bekomme, wie soll ich dann diesen Abend überleben?“
Ich habe es allein nach Hause geschafft, aber mit einem schlechten Gewissen. Der Arme.
#3
Gestern Nacht. Zwei Frauen. Ein Abend. Viel Lust auf Tanzen.
Meine Freundin und ich begaben uns in unserer Stadt auf die lange Reise, um in einem anderen Stadtteil feiern zu gehen. Etwas Neues ausprobieren? Immer gern. Hineinspaziert, willkommen im Club. Da standen wir nun, in einem Club am anderen Ende der Stadt, wo der DJ keine Liedübergänge schafft und wir wie Aliens angeschaut wurden. Wir waren umzingelt von bulligen, kahlen Männern mit Yakuza Merch und aggro Frauen, die Kette rauchten. Uns war klar, hier sind wir alles andere als Willkommen. Wir beschlossen zumindest kurz als Einzige zu Tanzen und danach einfach abzuhauen. Hat gut geklappt, der Plan ging auf. Nur leider war die Tanzfläche von den stehenden Menschen belegt, die uns nicht nur angafften, sondern auch auslachten. Mit meinen Tanzmoves wollte ich etwas Fröhliches ausstrahlen, dazu passend trug ich eine Blumenbluse und vollendete damit wohl das öko-alternative-hippie Klischee. Hinter mir machten drei Frauen, zeigten mit dem Finger auf mich und machten mich nach. Die Menschen waren uns nun mehr als unsympathisch. Seit wann ist man in einem Club so respektlos? Sollte dies nicht ein Raum für alle Musikbegeisterte sein, wo man mal sein darf? Vielleicht hat auch einfach jeder eine andere Vorstellung vom Feiergehen und vor allem auch andere Erwartungen. Unsere würden dort nicht erfüllt und wir sind uns sicher, dass wir unser Szeneviertel der Stadt nicht mehr fremd gehen wollen. Tut uns leid, wird nicht wieder vorkommen.
Mich hätte es nicht verwundert, wenn ich die jungen Burschen vom Bahnhof dort gesehen hätte. Ich bin ja eigentlich kein Mensch mit Vorurteilen, aber diese zwei Begenungen waren schon hart.

Eine Antwort auf „Begegnungen

  1. Wegen solchen Dingen brauchst du kein schlechtes Gewissen zu haben.
    Du darfst und sollst erwarten mit Respekt behandelt zu werden.
    Immerhin bist du ein menschliches Wesen und kein Pokal.

    Gefällt 1 Person

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