Zugfahrt

Neben mir sitzt eine Person. Sie schaut düster hinein, mir mitten in die Augen. Da ist kein Blinzeln, nur ein leichtes Zucken unter ihrem linken Auge. 

Ihre Mundwinkel spiegeln sich meinen, nicht nach oben und nicht nach unten. Strenge rotgefärbte Lippen in einer Linie, als hätte sie viel gesagt und nichts mehr zu sagen. Sie sind vollkommen geschlossen, vollkommen dicht und von einem Schatten umgeben.

Wenn sie wegschaut, sehe ich sie nicht mehr, aber verrät mir, wie die Wirklichkeit zu ihr spricht. 

Ich kann die Zeit fliegen sehen, ich ziehe vorbei in Geschwindigkeit, die ich noch vom kühlen Monat kenne. Wir wippen und wackeln. Wir wollen verlassen und vermissen. 

Ihre Erscheinung lässt auf nichts schließen. Ein weißer Kragen, fein, schmiegt sich an ihren Hals, verbunden mit einem roten Tuch. Ungekonnt seriös und doch lässt es den Blick reifen und vervollständigen. Die Schultern sind breiter, kantiger und mit schwarzen Stoff überzogen. Der Kontrast von Schwarz und Weiß kommt in ihrem Gesichtsausdruck wieder. Ausdruckslose Mundwinkel, die doch in Farbe getaucht wurden und ein Lachen wäre aus dem Magazin entsprungen.

Die Lider werden schwer und jeder vorbeiziehende Lichtpunkt erinnert an Erlebtes und Vergangenes. Viele kleine Sternlein zum Greifen nah und doch durch die Geschwindigkeit schnell wieder fern und unerreichbar. Wir können sie nicht fassen, nicht halten. Ich kann sie neben mir nicht halten, denn jeder Schatten und jedes Wippen verblendet ihre Ansicht. 

Neben mir sitzt ein Schatten, so düster im Blick und im Inneren, wie die Welt außerhalb der Röhre. So vernebelt und taub, wie das innere meines Kopfes. So schwarz und stumpf, wie meine Kleidung. 

Ein verdrehter Kopf, ein aufgeknöpftes Hemd, eine Glühbirne über mir. 

Sie ist zu grell, ich kann den Rest nicht mehr erkennen. 

Und sie neben mir verschwindet zunehmend. Sie gleitet hinweg, ich kann sie nicht halten, nicht fassen, obwohl sie doch so nah ist. 

Halt. 

Weiter.

Es geht immer weiter und immer, immer wieder gibt es einen Halt, bis es wieder weitergeht. 

Die innerliche Leere behält keinen Platz für Gefühle bereit. Und so schön es auch wäre, steht daneben die Angst vor der der Fülle. Wohl ist sie neben mir genauso unausgefüllt, wie ihre Augen, die nun nur noch als Form und winzigen kleinen Schimmerpunkt in der Mitte zu erkennen sind.

Der Atem wird immer schwerer, die Luft bleibt in der Röhre stehen.

Nichts wird wieder so sein, wie vor Kurzem. Und so banal das auch klingen mag, kommt es mir vor wie verschwendete Zeit, wobei ich gern Zeit verschwende, um mit geschlossenen Augen am Ufer zu liegen und die Wolken über mich ziehen zu sehen. Dann ist die Welt ganz leise, ganz langsam, ganz sanft und alles wird hoffnungsvoll blau. 

Halt. 

Weiter.

Ich ziehe los und sie bleibt neben mir. Sie ist mein Glück in meinem eigenen Unglück. Mein Schatten mit Sternen in den Augen, mein Widerspruch der Sinne und mein Ich, welches verblasst und erlischt. 

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