Nach Oldenburg und wieder zurück

Ende Oktober. Ich stehe am Hauptbahnhof, trinke meinen Kaffee und warte darauf, dass der Fernbus um die Ecke fährt und mich einsteigen lässt. Gesagt, getan. Ich sitze im Gang, lese mehrere Seiten und führe meine Vorbereitungen für mein Studium im Fernbus fort. Es wird langsam dunkel und um mich herum schnarcht es. Ich traue mich nicht das Licht über mir einzuschalten und versuche mich den Reisenden anzupassen und schließe meine Augen.

Irgendwann, kurz vor Mitternacht, komme ich in Oldenburg an und werde mit offenen Armen von meiner Freundin empfangen, die ich hier besuchen möchte.
Bereits nach einem Tee und kurzem Talk legen wir uns in die Waagerechte.

Nächster Tag. Nach ausreichend Schlaf starten wir Richtung Universität. Oldenburg ist kleiner, als mein Wohnort, aber groß genug, um viele Eindrücke zu sammeln und ich bin überrascht wie gut mir diese Stadt gefällt. Wir stehen also auf dem Campus und bereiten uns mental auf die Studentenmassen vor und schreiten zur Mensa, um Mittag zu essen. Das Essen war besser als gedacht und ich persönlich finde es vorteilhaft, dass es hier einen richtigen Campus gibt. Ich bin es von meinem Studentenleben gewohnt von Gebäude zu Gebäude zu rennen, das ist hier scheinbar weniger der Fall. Wir setzen uns nach der Nahrungsaufnahme in die Universitätsbibliothek und ich nutze die Zeit, um zu arbeiten- Referate, Exzerpt und Methoden der empirischen Sozialforschung warten nunmal nicht auf mich, sondern wollen bearbeitet werden.

Nach den Stunden auf dem Campus passe ich mich meiner Freundin an, lebe ihren Alltag mit ihr zusammen und es bereitet mir Freude in eine andere Rolle hineinzuschlüpfen und zu erkunden.
Abend. Während ich mich freue, dass hier die Menschen wirklich alle ‚moin‘ sagen, laufen wir in Richtung eines Pubs, wo wir uns gesellig hinsetzen, essen und trinken. Unsere Gespräche vereinen sich und beinhalten viele Themen, doch so langsam überkommt uns die Müdigkeit.

Nächster Tag. Ausschlafen. Ein Luxus als Student. Meine Freundin möchte mir noch mehr von Oldenburg zeigen und ich willige ein, denn meine Neugier ist noch nicht gesättigt, sodass wir durch die Innenstadt spazieren, Matcha Latte trinken, durch Deko- Läden bummeln und Teil eines Ganzen werden.
Oldenburg ist schön grün, Fahrradfahrer und Fußgänger achten sich gegenseitig und Wochenmärkte zieren die Stadt und ziehen die Menschen magisch an. Ich sehe Museen und Kirchen von Außen, einen Park mit einem Fluss, das Rathaus und Oldenburger Hundehütten (niedliche Häuser im besonderen Baustil).
Ich bin verblüfft, auch wenn ich die Stadt wegen gesundheitlichen Einschränkungen nicht vollständig wahrnehmen kann, wie ich es gern würde. Aber der Körper macht nunmal, was er will.
Am gleichen Tag reise ich wieder ab, aber zuvor starten wir noch eine kleine Back- Action und läuten damit die winterliche Zeit ein. Die Wohnung riecht nach Keksen und zum Schluss wird das Gebäck von uns mit Schokolade verziert.
Meine Lust und Laune wieder in den Fernbus einzusteigen, hält sich in Grenzen. Kurz vor 20 Uhr. Mein Bus ist da, ich sitze nach einer Verabschiedung bequem im Bus und die Fahrt geht wieder los. Diesmal muss ich aber in Hamburg umsteigen.
Hamburg. Es ist kalt und die ZOB- Halle wird geschlossen. Ich trinke einen weiteren Kaffee und werfe mir meine Antidepressiva ein, in der Hoffnung davon wie ein Baby im Bus zu schlafen.
Warten.
Zwei Stunden später. Der zweite Teil meiner Heimreise ist angebrochen und ich kann natürlich nicht schlafen, also lese ich weiter und halte an meiner Vorfreude auf Zuhause fest.
Hauptbahnhof. Die Nacht ist vorbei, halb Sieben sagt meine Uhr und wie auch bei meinen letzten Heimreisen, werde ich mit einer Begegnung begrüßt. Ein Mann, der ungefähr ein Kopf größer und 30 Jahre älter war als ich, fragt mich nach einem Platz in dieser Stadt, wo er eine Nacht schlafen kann. Ich zeige mich hilfsbereit, aber als er mein Outfit gutheißt und mich nach meiner restlichen Zeit fragt, geht bei mir buchstäblich die Alarmglocke an. Er tapst mir hinterher, ich sage ihm, dass ich nur noch 10 Minuten habe, bis meine Tram kommt. Ich verneine, als er fragt, ob er mit zu mir kommen kann. Ich laufe weiter. Ich drehe mich um und er macht eine eindeutige Gestik mit der Frage „und wie sieht es jetzt aus?“. Ich frage mich in diesem Moment, ob ich mit meiner Hilfsbereitschaft ein Signal sendete, welches auf Geschlechtsverkehr hinwies. Nein.
Bahn. Kaffee. Bett. Schlafen.

Fazit?

Oldenburg hat mich klare Ideen ausgelöst. Vielleicht werde ich dort meinen Master machen oder einfach meine Freundin öfter besuchen. Auch wenn ich krank geworden bin, strahlte die Stadt etwas sehr Frisches, Gesundes und Erholendes aus. Für die nächste Busreise werde ich  mich auf jeden Fall besser ausstatten und bei der nächsten Begegnung vorher überlegen, ob ich wirklich hilfsbereit sein möchte oder mein Bedürfnis nach Zuhause und Schlaf auf der Prioritäten- Liste weiter oben steht.

Manchmal ist es verdammt schwer zu erkennen, was man will und was man in jeweiligen Situationen braucht. Was ist gerade mein Bedürfnis und was würde mir jetzt guttun? Ich tue mich sehr schwer mit diesen Fragen und das ewige hin- und herschieben zwischen Entscheidungen, Stress und Druck lastet auf mir.
Ja, ich habe ein gutes Leben als Student, aber es ist gar nicht so einfach alles unter einen Hut zubekommen, wenn man nebenbei arbeiten geht und dann plötzlich der Körper nicht mitmacht. Denn das ist der große Unterschied zwischen Studenten und Arbeitenden: das Studium macht keine Pause, macht nicht krank und wartet nicht auf dich. Eine Auszeit kann man sich zwar immer nehmen, weil man zum Beispiel keine Anwesenheitspflicht hat, aber das bedeutet nicht, dass man schwänzt/auslässt- sondern verschiebt.

 

Eine Antwort auf „Nach Oldenburg und wieder zurück

  1. Moin liebe Anna.
    Ich hatte eine ähnliche Erfahrung. Als Ich im Juli zu meiner Mutter in den Norden gefahren bin. 8 Stunden gequälte Busfahrt nach Binz. Über Berlin und meine alte Heimat, die ein unsagbar schlimmes Gefühl hinterlässt, auch wenn Ich eher lachen konnte, da Ich an diesen verlassenen Städten nicht aussteigen muss.
    Da angekommen war die Zeit okay, alles was Ich alleine gemacht hab, war am Strand sitzen, Fotos machen und Tee trinken. Allerdings hatte meine Mutter am Ende meiner Reise wieder ihre typischen Probleme (auf die Ich hier nicht eingehen will) weswegen wir den letzten Abend in Schweigen verbrachten.
    Am nächsten Tag fuhr Ich heim (inklusive 5 Stunden Fahrt durchs Nichts und pöbelnde Nazis) und auf mich wartete ein vollgestopfter Briefkasten. Die Nachrichten darin, wenig toll. Der Moment wo mein Leben in meiner Wahlheimat auf Kippe stand und sehr kurz davor war zu kippen. Ich wäre fast obdachlos gewesen und das Gefühl ist nicht toll!
    Die Erfahrung mit dem Typen ist leider viel zu krass und zum fremdschämen, es tut mir sehr Leid, dass du so eine Erfahrung machen musstest. Ich schäme mich wegen solcher Dinge sehr für mein Geschlecht.
    Was Ich sagen wollte, es ist zwar angenehm auch mal nicht so leicht erreichbar zu sein und mal allem den Rücken zu kehren, eventuell die Zeit anzuhalten. Kommt man dann wieder an, holt einen die Zeit ein und die schöne Zeit die man hatte, ist leider vergessen bzw. Im Hintergrund!
    Ich hoffe für dich, dass du noch mehr Zeit ohne Stress haben wirst! 🙂
    -LG
    dave

    (Der Kommentar kommt eventuell zweimal, Ich hab mein Passwort vergessen und hab ohne zu wissen mit meinem wunderbaren Google+ Account kommentiert.)

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