Rumnacht

Ich bin keine große Trinkerin, aber große Gedanken passen en masse in mich hinein. Als ich das letzte Mal mit Rum abgefüllt wurde, stiegen mir die Gedanken hoch hinaus. Man würde denken, dass man gedankenlos wird, wenn man angetüdelt ist, aber in mir tudelte es nicht, es sprudelte voller Emotionen und Erinnerungen. Ich lief Nachts ungehalten über die schwarzen, leeren Straßen und vor meinen Augen kamen Bilder angeschossen, wie die Autos neben mir. Ich sah ein kleines Mädchen, welches über die Laufbahn schwebt, abhebt und im Sand aufprallt – am Ende mit einer Medaille in der Hand. Ich sah Tränen und hörte Geschrei, sah ein kleines Ich umkuschelt von einem Hund und einem besten Freund. Ich sah gute Noten und ein Gespenst, welches durch’s Schulhaus geistert und weniger heiter versucht zu funktionieren beim Addieren der Kalorien. Ich sah schlechtes Gewissen und fragte mich sofort, ob die anderen neben und hinter mir anders dachten nach Rum und Bier. Ein schlechtes Gewissen macht sich auch jetzt breit, obwohl ich in dieser Nacht so unfassbar glücklich war. Ich fühlte mich jung und frei, ich konnte etwas wirklich in mir fühlen und dieses Glühen möchte ich für immer bewahren. Und da kamen noch mehr Bilder und nicht nur Schmerz erfüllte mein Herz, sondern auch Leid, was am Meisten wehtat. Ich  fühlte es als mir meine Freundin den Tod wünschte, als ich plötzlich allein in den Alpen zu Silvester saß, weil mein Vater mit Alkohol und Schmerztabletten zugepumpt war und als ich allein in der Klapse dieser Stadt saß. Es tat weh immer wieder die eigenen Grenzen neu zu bearbeiten, bis es plötzlich keine mehr gab, weil irgendwer dachte drüber zu schreiten. Die Bilder kamen in meinen Kopf geschossen, so viele in so kurzer Zeit. Ich sah wie das Blut wie Tränen über meinen Körper lief, wie ich mitten in einer anderen Silvesternacht mit dem Auto über Glatteis in westliche Richtung steuerte. Und Leid macht sich breit, wenn ich an die Zeit denke, die sehr oft Bilder in meinem Kopf wie einen Spielfilm zeigt. Ich wollte spüren, dass ich am Leben bin und das ich gebraucht werde, so ließ ich mich verlocken und mit meinen Locken wirbelte ich umher zwischen bittersüßer Aufmerksamkeit und zerreißendem Missbrauch. Ich wollte als Kind Harmonie und wünschte mir vom Weihnachtsmann dies, Frieden und dass meine Eltern aufhören zu Streiten und zu Rauchen. Heute streite ich mit mir selbst, weil mein Selbst mich nicht zufriedenstellt. Und da ich nie genug bin, rauche ich und spüle damit Hunger weg. Und kippe danach Kaffee hinter, schwarz wie ich ihn mag und bitter, weil das mir jedes Mal aufs Neue Kraft gab. 
Ich drehe mich um und sehe strahlende und betrunkene Gesichter, ich beginne selbst zu Strahlen und wünschte mir, dass diese Nacht nie enden wird. Doch mein Glück wird von einem neuen Bild unterbrochen. Er steht vor mir und erinnert mich daran, dass ich den Glaubenssatz in mir trage, dass ich nicht gemocht werden kann. Denn ich bin beschmutzt mit Elend und Egoismus. Er befleckte mich, so dumm war ich und so unrein bin ich jetzt. Ich kann es nicht einfach vergessen und sofort muss ich an einen Begleiter denken, den ich vermiss‘. Böse bin ich nicht, nur enttäuscht und egal, wie hilflos wir erscheinen, haben wir immer eine Lösung und Möglichkeiten- danach lebe ich und darum stehe ich jeden Tag auf’s Neue auf. Ich musste also an den Begleiter denken und ärgerte mich, dass er sich ärgerte, weil wir umgeben von Affen seien. Doch so stimmt es nicht und hätte man nur diese Perspektive als Brille, dann erscheint die Welt dümmlich und klein. Das hilft niemanden, denn Hilfe geschieht im Dasein und Mitwirken. Ich will auch helfen, also stehe ich auf, trinke meinen Kaffee und laufe auf das Problem drauf zu, egal wie hoch es erscheint, egal wie tief es erscheint. Jeder Schein hat auch einen Teil, der brüchig ist und dann kann man hindurch steigen und zeigen, dass man kann, wenn man will. 
Die Rumnacht neigte sich dem Ende zu, die Bilder gaben aber keine Ruh‘. Oft frage ich mich, was mit mir wäre, wenn ich keine Bilder hätte, keinen Spielfilm im Kopf, sondern einfach nur einen lockigen Schopf. Ich werde es nie erfahren, aber auch das ist okay. Denn wenn Chamäleon ihre Farbe verlieren, sind sie auch nur gewöhnliche Echsen. 
Ich finde mich neben einer Person vor einem Blumenladen wieder. Die Orchideen erinnern mich daran, welche Schattenseiten ich mit mir herumtrage und wie ich verletzte. Der Adventsstern gibt mir Hoffnung, dass ich die Fähigkeit zum Verändern haben kann. In diesem Augenblick lassen mich die Bilder nicht allein, aber in mir flüstert es klein, dass ich mich an seine Schulter anlehnen möchte. Nur ganz kurz, um meinen Akku aufzuladen und neu zu starten. 
Die Nacht ist vorbei. Nach vier Stunden Schlaf wache ich automatisch auf, beginne meinen Tag als wäre nichts passiert. Aber ich fühle mich selbstsicher und unabhängiger. Irgendwas ist in jener Nacht passiert, nur ich weiß nicht mehr was. 

you seem so untouchable, but I know where you’ve gone through
you may not fit to a Label, but I know, mainstream doesn’t need you
your stronger than the inside of earth, not even me- the magnet- has a vote
I took you in my little bucket, but you wanted to flee, even I were standing right beside you to see the spectacle
you used to be my afterhour, my last goodbye and my meditation
you kept me alive with sugar and brain food
you used to be my all known book, my writing and thinking inspiration
and everything have been turned into ashes after red and white wine
we used to be yin& yang, we’ve seen the paradise right after the death experience 
we used to be gentle and kind, we’ve seen the monkeys while enjoying the good side of life
we just used to be and the more you’ve wanted more to be, the less I took the path to you
I could write you a thousand letters but none of those words are good enough, more like strangers

Eine Antwort auf „Rumnacht

  1. Ich fühle diesen Text irgendwie sehr.
    Ähnlich ging es mir am 24. dazu muss Ich kurz anmerken, dass dieses Weihnachten das Schlimmste meines Lebens war aber für knapp 15 Minuten auch das skurrilste und ein schönes, was aber weniger an den Gesprächen und Erfahrungen, sondern an einigen nicht ganz legalen Dingen lag.
    An Tagen wie Weihnachten, meinem Geburtstag oder Halloween (Was eine persönliche Horrorgeschichte mit sich trägt) fühle Ich, wie die Einsamkeit in mir jedes Mal Überhand gewinnt, mich verschlingt und komplett zerstört ausspuckt, wie ein Kaugummi, dass keinen Geschmack mehr hat.
    Ich bin eigentlich nie betrunken und war es auch diesmal nicht, Ich hatte nur zu wenig gegessen und da ist Alkohol eventuell nicht die beste Idee. Auf jeden Fall hatte Ich einen solchen Blick sowohl tagsüber, als auch Nachts. Ich war am 24. unterwegs, eigentlich war es um eventuell Ideen für Texte zu bekommen aber es war ein wirklich trauriges Schauspiel, wenn man an Heiligabend durch die Stadt fährt und viele Lächeln und Zusammen den Tag genießen, es ist dabei wundervoll die Menschen lächeln zu sehen, dass man in dieser grauen Welt noch etwas Freude sehen kann, jedoch tut es umso mehr weh, wenn man dann auf sich selbst blickt und einen Menschen sieht, der gerade völlig sinnlos in Strassenbahnen steigt, nur um nicht rumsitzen zu müssen. Ich dachte mir Dinge aus, was Ich gegen dieses Gefühl der Wertlosigkeit tun kann und alles wurde durch eben diese zerstört. Nachts war Ich dann irgendwann von meinem Barplatz losgerissen und bevor Ich ging, war Ich noch in einem kleinen Dialog mit Grass involviert. Diesen vernichtet ging Ich dann in die Nacht und konnte mir das strahlen und lachen nicht verkneifen. Es war ein ehrliches Lächeln, etwas dass bei mir leider sehr selten vorkommt. Erstens finde Ich mein Lächeln hässlich und zweitens kann Ich kaum noch unterscheiden, ob mein Lächeln jetzt echt ist oder dieses Lächeln ist, wenn jemand ein Selfie macht. Ich war also für 10 Minuten einfach mal ohne schlechte Gedanken und wenn waren sie egal. Das erinnerte mich Alles an früher, wo dieses Drogen Ding bei mir größer war, da hatte Ich nur leider mehr schlechte Gedanken. Diese kamen allerdings auch hier irgendwie. Nachdem Ich eben auch ein paar positive Dinge im Kopf hatte und total geistlos zu meiner Musik im Regen getanzt habe, kam dieser eine Moment, eine Note, ein Wort und ein Gedanke. Der meine Nerven komplett kaputt machte. Ich stand also in Dresden auf dem Postplatz und musste mich zusammenreissen, jetzt nicht abzuklappen. Dabei lag es nicht an Alkohol und Co. Sondern einfach daran, dass meine angestauten Emotionen des Abends mich von jetzt auf gleich komplett zerstörten. Ich bin Nervenzusammenbrüche an diesen Tagen gewohnt aber das hat mich sehr fertig gemacht. Auf einmal dachte Ich erneut, Ich bin wertlos, Niemand braucht oder mag mich und alle sind genervt von mir. Was am nächsten Tag auch nicht wegging und Heute auch noch irgendwie da ist.
    Wie immer entstand in diesen Momenten ein Gedicht (Es ist das mit der Sehnsucht von Instagram
    „Ich kann dich sehen / dich verstehen / selbst deine Schreie hören / Wenn Ich deine Nähe nicht spüre“

    Ich fühlte mich an dem Tag gut, schlechte, katastrophal und nachdenklich und so viel weiß Ich auch nicht mehr.

    Sorry für den verspäteten Kommentar, Ich glaube mein Alter zu dem Beitrag wurde einfach nicht verschickt, passiert.
    Ich kann auch leider irgendwie immer nur persönliche Geschichten beitragen, obwohl Ich gern auch mehr drauf eingehen würde aber es schießt dann einfach in meinen Kopf und muss dann irgendwie raus!

    Liken

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