Klinik: Realtalk

Es kann sein, dass ich mich jetzt in etwas verrenne und sich der roten Faden immer wieder verlieren wird, da ich einfach drauf los schreiben möchte. Verzeiht mir also diese kleine Unordnung in meinem Himmelsgedankenuniversum.

Es ist nun die sechste Woche, in der ich in einer Klinik stationär ein- und ausatme. Während meines Aufenthalts kamen ein paar mehr Gedanken in meinen Kopf geschossen, vor allem auch Gefühle, die ich nicht nur als Gedichte ausdrücken und formulieren möchte.

Die erste Sache ist schwer für mich zu beschreiben, weil ich Missverständnisse meiden möchte. Wenn ich in der Klinik bin, darf ich das Gelände nicht verlassen und es gibt genaue Besuchszeiten. Von Tag zu Tag fühle ich mich mehr von der Außenwelt und der Wirklichkeit ausgeschlossen, obwohl ich trotzdem noch daran teilnehme. Ich mache mir Gedanken, um meine Zukunft, meine Freunde und dem Therapieverlauf. Ich mache mir Sorgen, nach meiner Entlassung plötzlich bei Null anfangen zu müssen, weil sich Menschen abgewendet haben oder noch abwenden werden. Ich fühle mich nur noch als die, die in der Klapse sitzt. Gleichzeitig weiß ich ganz genau, dass das Gefühl nicht der Realität entspricht, was es aber nicht unbedingt besser macht. Denn das ist ein Zeichen meiner Krankheit (Irrealität oder Paranoia). Also wie ernst kann ich mich selbst noch nehmen? Selbst wenn sich Menschen abwenden, dann wird es sicher gute Gründe haben, jedoch fühle ich mich alleingelassen.
Ich kann mir gut vorstellen, dass Menschen keine Belastung darstellen möchten und jemanden im Krankenhaus nicht zur Last fallen möchte. Aber ganz ehrlich? Vor meiner Einweisung ging es mir schlechter als jetzt. Hier wurde ich immerhin ein wenig stabiler, als ich es vor wenigen Wochen war, also kann ich auch mit Belastungen irgendwie umgehen, wenn ich das zuvor auch konnte. Ja, ich habe Verlustängste.
Es kommt mir so vor, als würde mich nichts mehr angehen, als wäre ich auf dem Mond und nicht in der Klapse gelandet und warte darauf, dass ich wieder zurückfliegen kann. Und wo komme ich dann an?
Und ja, ich bin verdammt dankbar für die Unterstützung, die mir gegeben wird. Ich sehe den Support, blende ihn nicht aus und halte ihn fest im Herz und Kopf. Diese gesamte Kacke hier ist nicht einfach, für niemanden und ich bin auch verdammt dankbar, dass ich es überhaupt in die Klinik geschafft habe, dass ich einmal an mich gedacht habe, mich für das Leben und nicht dagegen entschieden habe. Manchmal kann man erst nach Dunkelheit wieder helles Licht sehen, oder so.

Zum Zweiten.
Die, die in der Klapse steckt. Und hast du mir schon einen Stempel auf die Stirn geklatscht oder wurde ich in eine deiner Schubladen geschoben? Wenn nein, dann danke ich dir tausendfach und umarme dich imaginär.
Wenn ja, dann tut es mir wirklich leid für dich.
Ich wird während der Tage hier und auch schon alle Jahre zuvor, seit meinem ersten Klinikaufenthalts, mit Vorurteilen und Klischees konfrontiert. Aber, dass eine Therapie, Psychiatrie etc. immer noch als etwas Absurdes, Falsches oder ein Tabu abgetan wird, macht mich so unfassbar wütend. Wacht auf! Psychische Erkrankungen kann man nicht unmittelbar sehen, dafür reicht es nicht oberflächlich durch die Straßen zu rennen. Psychische Erkrankungen sind eben nicht wie ein gebrochener Knochen oder eine Erkältung, aber das bedeutet nicht, dass sie nicht genauso ernstgenommen werden sollten. Wer kam denn auf diese bescheuerte Idee eine Hierarchie bei Krankheiten einzuführen? Da sind solche Momente, in denen ich so sauer auf die Menschheit bin. Wo ist denn hier der Respekt geblieben? Niemand muss alles und jeden verstehen, tue ich auch nicht, aber ich habe diese Rechtfertigungen satt.
Ich komme persönlich vom ‚Dorf‘ oder eher aus einer kleinen Stadt. Als meine Großeltern erfuhren, dass ich in einer Klinik bin, waren sie erschrocken, dass es andere ‚Dorfbewohner‘ auch wussten. Ich kann meine Großeltern diesbezüglich voll verstehen, stehe auch hinter ihnen. Gleichzeitig bin ich froh, dass sich vielleicht das Maul über mich gerissen wird, damit bringe ich wenigstens ein paar Menschen zum Nachdenken- auch in Ecken und Kreisen, wo psychische Erkrankungen verpönt und vertuscht werden. But, no. Steht zu euch selbst!

Weiter mit Schubladen:
Wir haben spätestens jetzt alle verstanden, dass ich eine Macke habe und ich verwende gerne die Wörter Macke und Klapse, das bringt ein wenig Schwung in die Egalheit. But. Ich bin mehr, als das. Ich bin nicht nur die mit Borderline. Ich habe auch Momente mit Lebensfreude, wenn der Wind mich zum Umfallen bringt, mir Kakao oder Capri Sonne vorbeigebracht wird, wenn die Sonne meine Haut wärmt, wenn ein Igel meinen Blick kreuzt, wenn ein Brief in meinem Briefkasten auf mich wartet, wenn ich in meinem Lieblingsclub mein Himmelsgedankenuniversum vergesse, wenn ich Kaffee in Nase und Magen habe, wenn ich mit dem Zug durch Dörfer fahre, ein neues Gedicht schreibe, wenn ich lebe und dann bin ich oder kann ich, wie ein fast normaler Mensch sein. Ich verkörpere nicht nur eine Krankheit, egal wie kompliziert sie ist und wie anstrengend sie das Leben macht.
Also bittet stempelt mich ab, schiebt mich in eure Schubladen, wenn es euch glücklich macht. Aber wundert euch dann nicht, wenn sich andere auch mal, um ihre Gesundheit kümmern.
Over and out.
Danke, dass du es dir durchgelesen hast. Danke, dass du mir damit Support gibst. Und zum Schluss noch ein Gedicht. Weil ich Gedichte mag.

„I often just like to run away

to my cage of emptiness.

Cause I don’t feel the pain there

and all paradoxes seem grey.

To all the good guys out there,

I adore every single breath you take

even the sad moments with chess

and how all of you take care.

Besides a jump from a bridge.

your locks hold me like a strong rope.

But who am I without your strengths,

a restless, annoying midge.

I play with words easily 

like the society with emotions.

I betray myself day by day and

can’t call the balance inside of me.

I often just like to run away

to the Good around my cage.

Then I realize my inner loneliness 

and everything turns grey again.

Today the sun shined bright into my face,

the wind made my steps hard to take,

now the rain crashes on green gras.

Am I cloudy or like bloomy haze?

I can’t decide or choose a view.

It’s like wearing glasses all the time,

sometimes specs, sometimes sunglasses,

but never seeing reality like you.“

2 Antworten auf „Klinik: Realtalk

  1. Dein Text bewegt mich. Ich finde es nicht selbstverständlich, solche Gedanken mit der „Welt“ zu teilen. Ich finde es stark und mutig.

    Ich denke, dass wir Menschen einerseits die Schubladen brauchen. Nur so kommen wir mit manchen Situationen klar.
    Aber das sollten kein Grund sein, alles und jeden sofort in eine Schublade zu stecken. Und wir sollten unsere Schubladen auch mal überdenken und mit offenem Herzen in die Welt sehen.

    Ich wünsche dir alles Gute.

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen lieben Dank!
      Ich habe es mir nahegelegt, genau solche meist unangenehmen Sachen zu ‚teilen‘, weil es mir wichtig ist und tiny steps sind, finde ich, besser, als gar keine. Wenn ich somit manch‘ Mensch zum Nachdenken anrege, gibt mir das viel zurück.
      Die Schubladen brauchen wir tatsächlich, um unsere Ich- Identität zu begreifen und auszubilden. Es liegt nur darin, ob man dabei einen Beigeschmack von Wertvorurteil oder Werturteil hat.
      Gruß 🙂

      Gefällt 1 Person

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