Klinik: Teilzeitfreiheit

Letzten Sommer, nachttrunken auf dem Heimweg und Musik in den Ohren, lief ich entlang einer Klinik, in der ich vor genau sechs Jahren saß. Ich tanzte an den Türen und Fenstern vorbei und hielt meinen Mittelfinger hoch hinaus. Ich sagte mir dabei, dass ich nie wieder dorthin zurückkehren werde, weil ich jetzt, in diesem Moment, gut drauf war. Sag niemals ’nie‘.
Ein halbes Jahr später. Stationärer Aufenthalt seit dem 30.01.2019. Ich landete schneller wieder in einem Klinikbett, als ich ‚ich kann nicht mehr‘ sagen konnte. Der Aufenthalt in der Klinik ist turbulent, nervenraubend und gleichzeitig stabilisierend und mutmachend. Es dauerte nicht lange, bis ich nicht nur meinen Psychotherapeuten, sondern auch Patienten ins Herz schloss. Es ist doch ein wahrlich Wunder, wie schnell man sich an Menschen gewöhnen kann und sie wertschätzt, als würde man sich seit Jahren, statt Wochen kennen. Neben hilfreichen Therapien, egal ob Ergotherapie, Skillsgruppe oder Einzelgesprächen, lernte ich für meine eigene Person am Meisten von der prägendsten Mitpatientin. Sie schlug mir wahrlich auf den Arsch, damit ich mich raffe, bot mir eine Schulter zum Ausheulen und gleichzeitig litt ich an Bauchschmerzen, weil sie mich so sehr zum Lachen brachte. Ich glaube an Wunder und sie ist es in Persona.
Als ich am heutigen Morgen bei der Visite saß und einer Ärztin in die Augen blickte, konnte ich es noch gar nicht richtig fassen. Entlassung?
Well, ja und nein.
Mich überfiel Angst und Panik. Bin ich schon bereit zu gehen? Ich habe Angst rückfällig zu werden, meinen alten und ungesunden Weg zu gehen, statt dem Neuen und schwierigeren Weg. Ich habe Angst zu enttäuschen und zu versagen. Ich weiß, dass ich ein eigenständiger Mensch bin, aber plötzlich fühlte ich mich wie ein kleines Kind, w as nicht weiß, wohin es laufen soll, wenn der Supermarkt zu groß erscheint.
Nun bin ich mit einem Bein in der Klinik, das andere chillt daheim in meinem Bett. Heute, am Freitag, durfte ich nach dem Abendbrot nach Hause gehen, doch am Montag werde ich wieder in die Klinik tapsen. Tagesklinik nennt man den gesamten Spaß. Trotz der Angst ist mir bewusst, dass ich hätte irgendwann einen nächsten Schritt gehen müssen. Und woher soll ich wissen, ob ich stabil genug bin, wenn ich es nicht riskiere und ausprobiere. Sollte es mir doch wieder rapide schlechter gehen, dann habe ich trotzdem Ansprechpartner, meine Skills (die gehen mir ziemlich auf den Keks, wenn ich ehrlich bin), Freunde und natürlich ärztliche Beratung. Also, was soll schon schiefgehen, I guess.
Nun esse ich Pizza, trinke Wein aus der Flasche und höre die beste Playlist von meinem besten Freund, die meine Stimmung immer hebt. Ichs schreibe ein paar Zeilen und versuche zu Verzeihen.
Nein, es ist nicht leicht.
Aber es muss ja weitergehen, oder?

„Ach, alles agiert auf anderen Adern, bei blutbeschmutzten Bettlaken baden beide chillig, charmant, chronisch. Denn der Drang deines Daseins ersetzt ein erleuchtendes Ende eines Elends. Für Fremde fühlen, für Fernweh fliegen, für Feuer fallen, gegen Gesetze gehen. Geradliniges Glück haben hier heute irgendwelche Irren in ihren Jammerzimmern jauchzend. Ja, jeder jammert, jeder jagt. Kein kurzer Kick kann krasse Liebe leidenschaftlich leben lassen. Meinungen machen Menschen multikulti, nur niemand neigt neben nostalgischer Nacht nach offenen Ohren oder obligatorischer Pseudoliebe. Pure Poesie poltert qualvoll, quietschend querfeldein. Richtig rennen, richtig regungslos Regen rasseln, sodass Schmerz splittert, Trümmer Tränen tränken und unser Universum unterhalb unseres Ursprungs untergeht. Viel von Verstand, viel von Verstehen vergessen, wenn Wissen weder weiterbringt, weil wir wollen zahllose Zeit zusammen zersprengen.“

-inspiriert durch einen Mitpatienten

3 Antworten auf „Klinik: Teilzeitfreiheit

    1. Indem ich zugebe, dass ich zerbrechlich und wie eine Kaffeekanne bin, mache ich mich selbst auch stark. Einsicht ist ja bekanntlich der erste Schritt zur Besserung. Ich kann nicht viel, aber wenn ich meine Geschichten und Erlebnisse teilen kann und damit Menschen helfe, ist es das, was dem Leben Sinn gibt.
      Ich danke dir!

      Gefällt 1 Person

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