Emotionsregulation

Letzte Therapiestunde. 

Die letzten zehn Minuten sind angebrochen, immer noch sitze ich betrübt vor meinem Therapeuten, bis er mit Grinsen anfängt und seinen Laptop auf den Schoß holt. ‚Warten Sie einen Moment, ich drucke Ihnen etwas aus‘. Während der Drucker Lieder singt, bin ich am Grübeln, was er mir nun zeigen möchte.

Er zieht das bedruckte Papier aus seinen kleinen alten Drucker und hält es mir hin. Zu sehen ist eine Zeichnung von Superwoman und ich fühle mich sofort auf den Arm genommen. Trotzdem beginne ich mit lautem Lachen und er grinst mit mir zusammen, bis mein Gesicht wehtut und ich ihn ernst frage, was das nun schon wieder bedeuten soll. 

Seine Message war, dass ich mich nicht für alles verantwortlich fühlen soll. Ich bin nicht schuldig, wenn ein Bekannter Suizid begeht, ich bin nicht für die Fehler anderer verantwortlich und es lag auch nie in meiner Macht die Familie ‚zusammenzuhalten‘. Ich nehme mir Situationen, Personen, Problemfelder so stark an, dass ich helfen möchte und nehme es mir zur Aufgabe. Aber Fakt ist, dass das meist weit über mein Kontrollbereich hinausgeht. Ich kann keine Depressionen heilen, kein Loch in einem Menschen füllen, ich bin auch keine Therapeutin, Mama oder Schuld, wenn sich Menschen in meinem Umfeld schlecht fühlen. Und ja, manchmal fühle ich mich schlecht und schuldig dafür, dass es unserem Planeten so dreckig geht- im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bin nicht Superwoman. Für mich ist es extrem schwer, mich von solchen Dingen zu distanzieren, mir zu sagen, dass ich keine Macht darüber habe, nicht allen Menschen helfen kann. Diese Akzeptanz zu erlangen, ist eine Herausforderung und besonders fällt es mir schwer Emotionen zu regulieren, negative Gefühle zu reduzieren ohne ein dysfunktionales Verhalten aufzuweisen. Doch ich weiß genau, wie es klappen kann, nicht den ‚alten Mustern‘ zu verfallen. 

Emotionen reguliert man am Besten, in dem man sie am Anfang erst einmal erkennt. Das ist also Trauer, hier ist die Wut und dort liegt die Einsamkeit. Ohne diese Gefühle zu bewerten, betrachtet man sie und lässt sie damit achtsam zu. Außerdem gibt es den Fakten- Check. Da ich oft zu emotional bin, hole ich mir oftmals den Rat meiner besten Freundin ein, die dann meine bessere rationale Hälfte darstellt. Dafür bin ich sehr dankbar, denn es hilft tatsächlich zu überdenken, was denn wirklich Fakt ist. Bin ich wirklich allein oder habe ich Menschen in meinem Umkreis? Weswegen bin ich frustriert? Woher kommt meine Angst und ist diese denn geprüft? Zum Beispiel die Angst vor kleinen Tieren, wie Spinnen. Eine Spinne in der Ecke des Zimmers kann Angst auslösen, doch tief in uns drin wissen wir, dass sie nicht lebensbedrohlich ist und uns nicht wehtut. Die Angst ist da, aber rational betrachtet, brauchen wir keine Angst zu haben. 

Zudem kann es sich positiv auf die eigenen Gefühle auswirken, wenn man vorausplant, vorsorgt und seine ‚eigene Meisterschaft‘ ausbaut. Meisterschaften sind also Tätigkeiten, die muss man nicht perfekt können, darum geht es nicht. Man darf sich aber ausprobieren, neue Tätigkeiten ausprobieren, alte Hobbys auffrischen und sich kleine Ziele machen, die für einen selbst Sinn ergeben und guttun. Letztendlich ist es allgemein gesagt hilfreich, wenn man sich gegenteilig verhält. Dysfunktionales Verhalten, zum Beispiel Drogenkonsum, Isolation, Hungern/Essanfälle, Selbstverletzung, schädigende Menschen im Umkreis, verstärkt negative Gefühle. Was sonst tun? Gesund essen, mit Freunden kochen, spazieren gehen (Natur ist mein nicht- geheimer Geheimtipp), schreiben, lesen, malen, musizieren, Sport machen, Veranstaltungen besuchen, duschen gehen,… 

Ich kann schon vorweg nehmen, dass sich sowas nicht von dem einen auf den anderen Tag im Kopf manifestiert. Auch hier passt das allbekannte Sprichwort: Übung macht den Meister. Aber es lohnt sich, vor allem langfristig gesehen. 

Der Hype geht immer mehr Richtung Yoga, Meditation, Nachhaltigkeit, Achtsamkeit. Vor zwei Jahren hätte ich da noch die Augen verdreht, aber let’s face it, das ist fucking gesund für unseren Körper & Geist. 

Einmal habe ich meinen Therapeuten dreist und leicht angepisst gefragt: „Ach und wenn ich jeden Tag Atemübungen mache, verschwinden einfach meine essgestörten Gedanken?“

Er bejahte meine Frage und ich fühlte mich verarscht, aber ich glaube ihm. Könnt ihr richtig atmen? Ich nämlich nicht, durch meine Atmung will mein Kopf quasi die gesamte Zeit fliehen, jagen und ist im Dauer-Stress Zustand. Nach jeder Atemübung fühle ich mich müde, aber das liegt nur daran, dass ich meinem Körper damit Ruhe gebe, die Hektik wegpuste und Stress reduziere, was sich positiv auf Gefühle und Gedanken auswirkt. Also das Atmen kann keine psychischen Erkrankungen heilen, das will ich nicht damit sagen, aber es kann helfen. 

So und bevor ich das Wort ‚helfen‘ nicht mehr lesen kann, beende ich diesen Text und hoffe, dass es dir irgendetwas gebracht hat.

Ich stehe bei Fragen offen und wünsche ein schönes Wochenende. 

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