Gegen mich- Für mich

 Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für mich ist es eine große Herausforderungen Schuld aus meinem Kopf zu schmeißen. Egal, was passiert, ich gebe mir die Schuld für die Fehler, unklugen Entscheidungen und stets schwirrt es in meinem Himmelsgedankenuniversum umher, dass ich falsch bin. Kurz gesagt bin ich Profi bei der Selbstabwertung.

Lange Zeit habe ich mir Kritik so stark angenommen, dass ich nicht in der Lage war meinen eigenen Willen und Bedürfnissen einen Platz zu geben und hinter mir selbst zu stehen. Andere hatten immer Recht, ich war im Unrecht. Ich habe mich schuldig für zerbrochene Freundschaften gefühlt, glaube daran Schuld für die Trennung meiner Eltern zu sein und größtenteils mistraue ich den Menschen, wenn sie meinen mich ‚gut zu finden‘. 

Diese Selbstabwertung geht noch weiter, bis sie nicht nur im Kopf stattfindet, sondern auch in die Tat durch dysfunktionales Verhalten umgesetzt wird. Sei es Hungern, Essanfälle, sich schneiden, überarbeiten, Drogenmissbrauch, Wutausbrüche, uvm. 

Warum spreche ich mich selbst nichtig?

Dieses ‚warum‘ schwirrte auch oft in meinem Kopf herum, als ich erfuhr, dass das eines meiner Probleme ist. Am Anfang war ich mir dessen gar nicht bewusst, weil ich von der Schuld und dem Mistrauen fest überzeugt war. Doch heute weiß ich, warum ich mich klein mache und mir selbst schade und konsequent gegen mich arbeite. 

Zu Beginn kommt ein Gefühl im Körper hoch, zum Beispiel Scham und Trauer. Ich schäme mich für Taten, mein Auftreten, mein Aussehen, meine Stärken und Schwächen. Ich fühle mich traurig, wenn Unglück passiert, mich jemand nicht ernstnimmt, Streit aufkommt oä. Diese Gefühle sind für mich so schwer zu ertragen und belastend, dass die Selbstabwertung diese Gefühle reduziert. Körperlicher Schmerz lenkt zum Beispiel vom mentalen Schmerz ab, warum sich auch manche Menschen selbst verletzen. Das ist ein Teufelskreis und ein Irrglaube, denn die Gefühle bleiben oder kommen wieder und die Selbstabwertung ist nur kurzfristig ein Ventil, wie auch das dysfunktionale Verhalten. Doch auf Dauer ist es schädigend und bringt keine Lösung. Egal, wie stark ich mich nichtig rede, es wird nie etwas an der Situation ändern. Gleiches Spiel mit dem Rationalisieren- das hilft erstmal, um den Gefühlen aus dem Weg zu gehen. Aber Gefühle kommen und gehen. Ein Mittelweg der ‚3 states of mind‘ wäre hier angebracht, wie es auch die dialektische- behaviorale Therapie vermittelt. Sprich eine Balance zwischen Vernunft, Emotion und Rationalisierung finden. Da ist nicht einfach, aber machbar. 

Kommen wir zurück und hier die nächste Frage: was kann ich tun, wenn ich gegen mich vorgegangen bin, um es ‚wieder gut zu machen?

Genau darum ging es erneut in meiner letzten Therapiestunde und ich möchte euch die Lösung nicht vorenthalten. Vorerst, damit es nicht so schnell zur hohen Anspannung kommt, gibt es Skills. Ich bin momentan sehr froh, dass ich so viel Zeit für die Therapie habe, um genau diese Skills zu üben. Denn es ist nicht immer leicht an sie zu denken und sie vor allem umzusetzen. Diese Skills können gedanklich stattfinden, in dem man sich positive Gedanken macht, im Kopf an einen schönen Ort reist und dadurch die Gefühle etwas reguliert. Man kann sich auch einen ‚Alltagshelden‘ überlegen, den man im Kopf fragt, was er an der eigenen Stelle machen würde. Dieser Held kann ein Freund oder eine fiktive Person sein- der Kreativität ist keine Grenze gesetzt. Mir helfen vor allem Aktivitäten, Sachen, die meine Sinne reizen und kleine Spielerei. Ich habe seit neuem einen ganz kleinen Controller einstecken, mit dem ich herumdrücke, wenn ich in der Bahn sitze, in einer Menschenmasse bin oder einfach nervös und unsicher. Zuhause fange ich mit Putzen an, wenn ich merke, dass meine Gefühle und die Wahrnehmung mich mental runterziehen. Als Hochspannungsskill brauche ich leicht schmerzende oder brennende Dinge. Ich trage zum Beispiel immer eine Ammoniak- Ampulle mit mir herum, die man aufbrechen kann und der Geruch betäubt und Schmerz ein wenig in der Nase und in den Augen. Wenn ich daheim bin nutze ich stattdessen Eiswasser oder einen Kühlakku, den ich mir in den Nacken lege oder auf meine Unterarme. Damals hatte ich auch immer einen Kronenkorken als Armband, was sich auch als hilfreich erwies (sollte ich mir mal wieder zulegen). 

Abgesehen von den Skills, liegt die Lösung darin sich nach der Selbstabwertung aufzuschreiben, was geschah, welche Gedanken im Kopf waren und was man tat, um es im Nachhinein besser zu verstehen. Anschließend sollte man simpel gesagt das Gegenteil tun. 

Habe ich gehungert oder einen Essanfall gehabt, dann esse ich am nächsten Tag etwas, was mir schmeckt und gesund ist. 

Habe ich mich selbstverletzt, pflege ich die Wunde und tue meinem Körper etwas Gutes, zum Beispiel einen Spaziergang machen, die Natur genießen, baden gehen, meinen Körper eincremen oä. 

Habe ich mich selbst in zwischenmenschlichen Beziehungen schlecht gemacht, gehe ich auf Menschen zu, die mir guttun, die mich wirklich mögen und verbringe gemeinsame Zeit mit ihnen. 

Es geht also darum, sich um sich selbst zu kümmern. Und wenn ich ehrlich bin, dann muss ich gestehen, dass es mir unfassbar schwer fällt mir etwas Gutes zu tun. Ich mache in letzter Zeit Fortschritte und kann da sogar stolz auf mich sein, aber allein diesen Stolz finde ich unverdient. Ich arbeite daran, versuche mich selbst zu achten und Übung macht den Meister- mehr Skills ausprobieren, mehr reflektieren, mehr aufschreiben und versuchen zu verstehen. 

Nicht nur die Therapie hilft mir dabei. Meistens sind es tatsächlich meine zwei besten Freunde, die mir zur Seite stehen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir drei genau diese States of mind ergeben und ich bin überaus dankbar dafür. 

Freunde, Familie, Kollegen oder vielleicht auch der Nachbar- scheißegal. Man muss nicht allein sein, es ist okay, wenn man Hilfe annimmt. 

In diesem Sinne wünsche ich ein schönes Wochenende, hoffe ich habe ein wenig mit diesem Mimimi geholfen. 

Ich bin gerade auf dem Weg nach Magdeburg, freue mich wahnsinnig eine neue Stadt zu sehen und mit dabei: mein Stein aus Maro, falls meine Stimmung kippen sollte. Manchmal sind es die kleinen Dinge im Leben, die uns ein wenig Glückseligkeit bringen. Sei es einem Menschen verzeihen, ein kleiner Handschmeichler oder schlichtweg ein gemeinsamer Kaffee im Sonnenschein. 

Alles Gute!

Eine Antwort auf „Gegen mich- Für mich

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