Therapiefragen

In wenigen Wochen wird meine letzte Therapiestunde stattfinden und gewiss, ich bin aufgeregt. Im Jahr 2013 begann für mich die erste Therapie, damals stationär und während ich seit 2017 wieder in Therapie bin, nach einem Jahr Unterbrechung, war ich nochmals Anfang diesen Jahres stationär in Behandlung. Man sieht, es zieht sich durch meinen Lebenslauf und irgendwie freue ich mich auf das Ende der jetzigen Verhaltenstherapie, weil ich mich traue und bereit fühle ohne weiterzumachen. 

Da ich Erfahrungen sammeln konnte, hatte ich die Idee ein paar Fragen zu klären, die das thematisieren. Vor allem, weil ich auch schon auf viele Vorurteile gestoßen bin.

Wann braucht man Therapie oder sollte man sich einen TherapeutIn suchen?

Das Bedürfnis ist bei jedem unterschiedlich. Man kann das absolut null pauschalisieren. Das hilft jetzt vielleicht nicht weiter, aber ich glaube, wenn man schon einmal daran gedacht hat, wird das seinen Grund haben und wenn das Bedürfnis anhält, sollte man es in Erwägung ziehen. 

Ich würde es jedem ans Herz legen, der nicht in der Lage ist seinen Alltag zu leben, eingeschränkt und belastet lebt ohne Aussicht auf Besserung. 

Sollte ich mich dafür schämen?

Auf gar keinen Fall! Ich kann mir gut vorstellen, dass es schwer ist darüber zu reden, weil es in unserer Gesellschaft weniger akzeptiert wird. Aber dann sollte man sich eher fragen, warum das so ist und sich selbst nicht zurückstellen, nur weil andere Menschen nicht weiterdenken können. Therapien können wie ein Arztbesuch sein. Man hat ein Problem und sucht sich Hilfe. Dafür braucht man sich nicht zu schämen, im Gegenteil. Es ist mutig einzugestehen, dass da etwas ist und es ändern zu wollen, auch wenn es nicht leicht ist. 

Sind alle PatientenInnen verrückt?

Nein. Ich finde es tatsächlich verrückter, wenn man durch die Welt schlürft und am Ende im schlimmsten Fall sich selbst und anderen Schaden zufügt. Abgesehen davon, wer oder was ist schon ‚verrückt‘?

TherapeutenInnen wollen nur Geld und Patienten mit Medikamenten vollstopfen!

Jein. Natürlich verdienen die SpezialistenInnen Geld, aber das ist an sich vollkommen berechtigt, denn man mag es kaum glauben, aber es ist deren Beruf! Das als Kritik im Argumentationsverlauf anzubringen, ist meines Empfindens unangebracht. Menschen, die sich für diesen Job entscheiden, verdienen Respekt, wie andere auch. Das mit den Medikamenten ist schwieriger zu beantworten, weil ich nunmal kein Psychiater bin. Da wird Geld über die Ladentheke gehen, aber letztendlich kann jede/r PatientIn selbst entscheiden, ob die Pillen einem zusagen. Ich kenne Menschen, die ähnliche Medikamente nehmen und sehr gut damit leben können, es ihnen hilft und das gleiche kann ich von mir sagen. Sie stabilisieren und helfen mir quasi dabei in Ruhe Skills zu lernen und meinen Alltag zu bestreiten, bis ich irgendwann so weit bin und es ohne Pillen kann. Man muss diese Tabletten nicht nehmen, man muss sie auch nicht für immer nehmen, wenn man einmal angefangen hat. 

Wie finde ich einen TherapeutIn?

Bei meiner Ersten war das leicht, da ich gleich ins Krankenhaus kam und nur eine Überweisung vom Hausarzt brauchte. Da ich damals Minderjährig war, lief das alles über meine Eltern. Die Therapeutin dort im Haus übernahm mich und ich hatte anschließend circa 3 Jahre bei ihr Sitzungen, die ich selbst abbrach. 

Beim zweiten Mal war das nicht so easy. Ich war erst beim sozialpsychologischen Dienst, der eine gute Hilfestellung ist, wenn man sich in Wartezeit befindet. Währenddessen telefonierte ich mich durch die Stadt. Wenige hatten Kapazitäten, doch irgendwann hatte ich Glück und wurde zu ‚Vorstellungsgesprächen‘ eingeladen. Auch mein Hausarzt half mir, da er natürlich auch ein paar empfehlen konnte und mir am Ende wieder eine Art Gutachten ausstellte. 

Ich hatte ein Erstgespräch auch schon mit einer Person, mit der ich nicht klarkam- das ist okay und normal. Es harmoniert eben nicht bei jedem und man darf sich dann auch eingestehen, dass das nichts wird und weitersuchen. Immerhin sollte es Dir helfen.

Wie ist es eine Therapie anzufangen?

Wenn man jemanden gefunden hat, bei dem man sich wohl fühlt, kann es losgehen. Für mich war das total aufregend. Irgendwie freute ich mich, weil ich eine Besserung ersehnte und gleichzeitig machte es mir Angst. Ich machte mir Sorgen darüber, was meine Familie über mich denkt und ich vielleicht gar nicht ‚krank genug‘ bin und jemand anderem den Therapieplatz stehle. Doch letztendlich half mir dieses Gedankenchaos nicht weiter. Ich bin stolz auf mich selbst, wenn man das so sagen kann, dass ich diese Schritte gegangen bin. Egal, ob mich Familie und andere Menschen mit Stempelfarbe bemalen, es ist mein Leben und meine Entscheidung. 

Verändert die Therapie mein Ich?

Mich hat die Therapie auf jeden Fall verändert, aber im positiven Sinne. Ich habe unfassbar viel gelernt. Es ist nicht so, dass gute TherapeutInnen einem vorschreiben, was man tun soll oder wie man zu sein hat. Es sind eher Ratschläge und ein Hinterfragen des gegenwärtigen Zustands. Scheinbar sollte sich ja etwas verändern, wie und was liegt aber in den eigenen Händen. Ich glaube hier kommt es auch darauf an, wegen was man zur Therapie geht. Ich war bereits vor den Stunden introvertiert, viel denkend, neugierig und keine Ahnung, wie mein Charakter halt so ist. Es geht nicht darum sich vollkommen zu ändern und als neuer Mensch geboren zu werden: Sorry, aber der Zug ist abgefahren. Es ist die Frage, was man mit diesem angefangen Leben anstellt. Man kann verändern, wie sehr die Gedanken einem vereinnahmen, wie man sich in sozialen Situationen verhält oder wie man mit seinem Körper umgeht. Ziel ist es nicht den Charakter zu ändern, sondern sich dem mehr bewusst zu werden und damit etwas Gutes anzustellen. Das ‚Gut‘ kann jeder für sich selbst definieren. 

Wie verläuft eine ambulante Therapie?

Ich glaube, das kommt auf die Therapieform an. Ich kann nur von Schema- und Verhaltenstherapien schreiben. Am Anfang geht es erstmal darum sich kennenzulernen und zu schauen, wo die Belastung ist und welches konkrete Ziel man hat. Daran wird festgehalten, Pläne geschmiedet und einfach geredet. Ab und zu gibt es Therapiehausaufgaben, damit man sich auch Zuhause nochmal mit den Inhalten beschäftigen kann, um es zu verinnerlichen. Außerdem gibt es oft kleine Tests, die man wie Diagnosetests sehen kann. 

Über was redet man und was soll ich sagen?

Bei mir ist es so, dass am Anfang gefragt wird, wie es mir so geht. Damit fange ich an und gehe meist automatisch über zu Ereignissen, die mich beschäftigten. Der Leitfaden wird sicherlich jeder TherapeutIn anders handhaben. Aber eines ist wichtig: Seid ehrlich!

Es ist nicht so wichtig, was Du sagst, solange es ehrlich ist. Wenn der TherapeutIn etwas bestimmtes wissen will oder schon einen Plan hat, was er mit dir durchnehmen möchte, wird er/sie das kenntlich machen. Es ist nicht deine Aufgabe dir Gedanken darüber zu machen, sondern zu kommunizieren. Ich habe auch schon oft zu meiner Therapeutin gesagt, dass ich gerade gar keine Ahnung habe, was ich sagen soll und total leer bin. Das stellte sich für den Verlauf der Stunde nicht als Problem dar. 

Warum kommen manche in schlechterer Verfassung von der Therapie zurück?

Das knüpft am vorhergehenden Satz an. Ich schätze, dass in dem Falle nicht ehrlich kommuniziert wurde. Letztendlich kann der TherapeutIn nur etwas mit dem anfangen, was der PatientIn ihm preisgibt. Zu lügen oder etwas wichtiges zu verschweigen hilft da keinem. 

Was tun, wenn TherapeutIn und PatientIn sich missverstehen? Der PatientIn die Therapie falsch deutet?

Auch hier würde ich mit dem Punkt Kommunikation ankommen. Mir ist bewusst, dass man nicht von Anfang an alles aus sich herausholen kann und wie ein Fluss alles aus einem heraussprudelt. Aber im Verlauf sollte dem TherapeutIn bewusst werden, woran er beim PatientIn ist. Ich habe meine Therapeutin auch schon missverstanden und dann einfach nachgefragt, auch wenn es das tausendste Mal war. Wenn der Patient das aber nicht mitbekommt, dann sollte es dem TherapeutIn auffallen, schätze ich. Das ist zumindest meine Erklärung. Schließlich finden auch Feedbacks statt, um den Zustand des PatientIn auszumachen und einzuordnen, spätestens dann sollten sich solche Missverständnisse klären, hoffe ich. 

Sind tiefgreifende Lebensveränderungen während der Therapie angemessen?

Jeder Anfang ist schwer. Dadurch, dass man sich viel mehr mit sich selbst beschäftigt als zuvor und vielleicht auch unangenehme Erinnerungen aufgefrischt werden, können die Sitzungen zu Beginn anstrengend und aufwühlend sein. Ich glaube nicht, dass da krasse Veränderungen angemessen sind. Es ist als würde man an einem Gestein hämmern und kleine Steine fallen zu Boden. Dann muss man in diesem Chaos Ordnung schaffen, alles aufräumen und den richtigen Platz für jeden Stein finden: das benötigt Zeit, Energie und Aufmerksamkeit. Wie gesagt, kein guter Therapeut würde einem vorschreiben, was er zu tun oder lassen soll, außer es handelt sich um nicht therapieförderndes Verhalten- da kann der Therapeut schonmal sagen „Jo, so läufts aber nicht. Wenn Sie wirklich Hilfe wollen, dann wäre es gut, wenn sie sich dementsprechend Bemühen auf sich und andere zu achten“.

Ich selbst habe während der Therapie viel verändert, aber bereits nach mehreren Monaten. Ich beendete eine Beziehung, wechselte meine Studienfächer und brach das Studium ab, um eine Ausbildung zu beginnen. Das ist nicht alles, nur ein kleiner Teil meiner Entscheidungen der letzten Jahre. Aber ich bin selbst darauf gekommen und es wurde mir nicht vorgeschrieben. Durch das aufwühlende Bereden innerhalb der Therapie würde ich dazu raten, solche Veränderungen auch anzusprechen. 

Sollten noch offene Fragen vorhanden sein: Du weißt, wie du mich erreichen kannst. Bei jeglichen sozialen Medien bin ich unter Anne Pollenleben zu finden oder ganz oldschool per Email.
Alles Gute!

2 Antworten auf „Therapiefragen

  1. Sehr wichtiger und guter Artikel. Unsere Gesellschaft muss endlich damit aufhören, Menschen zu stigmatisieren, die aufgrund psychischer Probleme jedweder Art professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Oder auch, aus Angst Unbekanntes schon im Voraus abzulehnen, statt sich erst mal zu informieren.
    Dazu leistest du hier einen immensen Beitrag.

    Gefällt 1 Person

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