Deine Sprache ist nicht jedermanns Sprache

Es war ein paar wenige Stunden vor Arbeitsbeginn. Ich bin extra zeitig aufgestanden, bin einmal mit der leeren Straßenbahn ins Stadtzentrum und wieder zurück zu meiner Wohnung gefahren. Und dann saß ich dort auf meinem Bett, einen Apfel essend und fast gleichzeitig Kaffee trinkend, weil ich es mag Dinge gleichzeitig zu tun, weil ich mich damit produktiver fühle. Für mich sieht so ein entspannter Morgen aus, ein bisschen von allem, ein bisschen Ruhe, ein bisschen wenig Menschen. Doch der große Fehler meinerseits war es, dass ich auf meinem Laptop nicht nur ein Tab mit laufender Musik offen hatte, sondern das Gesichtsbuch auch meine Aufmerksamkeit erstrebte. Somit scrollte ich mich rauf und runter. Eine Social Media Spritze, genau ins Herz. Vielleicht auch in Kopf. Vielleicht waren es auch zwei Spritzen, es tat auf jeden Fall weh und irgendwie machte es mich traurig, was ich dort so sah und laß. Damals, als man die Plattform mit dem schönen blauen Logo nutzte, postete man nette Bilder, ein Musikvideo und wünschte Bekannten und Verwandten alles Gute zum Geburtstag. Später in meiner Facebook- Laufbahn fand ich es klasse in Gruppen beizutreten. Ich wusste, wer wann von Stadt zu Dorf fährt und wie man Dreads pflegte ohne sie noch mehr zu zerstören. Ich lernte in Gruppen, wie man veganen Eiersatz herstellt und verknüpfte mich mit anderen Bloggern (Hey!). Einer der leisen Fische zu sein, ohne viele Kommentare zu schreiben oder andere Zitate unter den neusten Profilbildern zu ‚liken‘, gefiel mir und mehr wollte ich nicht. Nur ein bisschen Werbung für diesen Blog und erreichbar für andere Menschen sein. Heute logge ich mich mit meinem privaten Account nur ein, wenn ich Menschen kontaktieren möchte oder wissen will, welche Veranstaltung mir zusagt, wenn ich Tatendrang habe. Dafür bietet sich Facebook sehr gut und ich glaube, dass das Vernetzen mit Gleichgesinnten, egal ob es Hobby, Beruf, Familie,… ist, sinnvoll in einer stark globalen Gesellschaft ist, da uns oft mal alles so ‚weit weg‘ erscheint. Aber wir sind nicht allein und das kann Facebook gut zum Ausdruck bringen. Dieser Text soll sich gar nicht so sehr auf Facebook allgemein ausrichten, eher darauf, was ich gesehen habe und weswegen ich traurig und erschrocken bin- jeden Tag auf’s Neue. Es gibt so ein paar Gruppen, die sich auf bestimmte Regionen beziehen. Dabei muss es keinen politischen Hintergrund im Titel oder in der Gruppenbeschreibung geben. Es sind diejenige, in denen Blitzer & Staus gemeldet werden, Nachrichten über Kultur und Bildung geteilt werden und wo man auch echt schöne Landschaftsfotografien sehen kann. besonders gern mag ich die ‚Vorher-Nachher- Bilder‘, bei denen zum Beispiel mein Herkunftsort um 1920 und heute im Vergleich zu sehen sind. Ich weiß nicht warum, aber ich finde das interessant und verweile dann doch mal eine Minute mit Kaffee in der Hand länger auf der Gruppen- Seite. Aber einen Fehler mache ich jedes Mal. Jedes mal lese ich Kommentare. Am besagten Morgen vor der Arbeit, während ich eifrig chattete, laß ich im Augenwinkel in einer ‚Facebook-Dorf-Gruppe‘ irgendetwas mit Kita und syrisch. Und natürlich öffnete ich mir den Link, überflog die Anzeige und schwenkte zurück zu den Kommentaren. Was soll ich sagen. Hallo, Rassismus. Ich weiß durch eigene Erfahrungen, dass Dörfer in meiner Heimat nicht für ihre Emapathie und Offenheit bekannt sind, aber dieses Rumgejaule „die Ausländer nehmen uns die Sprache weg“ und das Rumgeheule „die soll’n erstmal lernen, was arbeiten ist“ verschlägt mir die Sprache, sodass ich selbst nicht mehr weiß, was die deutsche Sprache ist, denn sie bleibt mir wie ein Kloß im Hals stecken. Kindergartenkinder die Möglichkeit zu geben weitere Sprachen spielerisch zu erlernen, sehe ich fortschrittlich und zeigt Engagement. Ich hatte selbst im Kindergarten Englischunterricht und ob es letztendlich syrisch, spanisch oder japanisch gewesen wäre, war mir als Kind sicherlich sehr egal, denn mir ging es damals nicht direkt um die Sprache, sondern um das Gemeinschaftsgefühl- mit anderen Kiddies etwas machen, Spaß haben, ein wenig Singen und mit einem winzigen Xylophon spielen. Abgesehen davon sagt der Journalist in dem Artikel nichts davon, dass Menschen die in Deutschland eine andere Sprache sprechen kein Deutsch lernen WOLLEN. Nein, da steht NUR, dass Kinder etwas lernen dürfen, wenn sie wollen. That’s it. Aber klar, dass das als Aufreißer für ein wenig Tränenflüssigkeit genommen wird. Gut, dann nehmt euer eigenes Kind und verbietet es keine andere Sprache lernen zu dürfen- drehen wir den Spieß mal um. Ich bin mir sicher, dass das Kind keine Freude daran haben wird und sich irgendwann nach ein wenig mehr als nur Kartoffelworte sehnt. No offense, aber wer glaubt Deutsch, Deutschland und Kartoffeln in fetten Karren seien das einzig Wahre hat einfach in meinen Augen den Schuss nicht gehört- umso schlimmer, dass dann noch gehetzt, gehasst und diskriminiert wird. Genau dort, wo es natürlich am Einfachsten ist: im Internet. Es ist einfach nur traurig durch die Kommentare zu gehen, zu lesen, was dort von sich gegeben wird. Jeden Tag bin ich in Kontakt mit Menschen mit Migrationshintergrund, ich rede mit ihnen, ich sehe sie und sie sehen mich. Jeden Tag auf Arbeit erlebe ich, dass das auch einfach Menschen sind und dabei ist es völlig egal, woher sie kommen, wohin sie gehen und erst Recht, wie sie aussehen. Ich will auch nicht in die Schublade ‚Deutschland‘ gesteckt werden. Denn ich stehe nicht für 81 Millionen Menschen gerade. Vielleicht komme ich aus Deutschland, aber ich bin nicht Deutschland. Rassismus mit solcher Anonymität im Internet mitzubekommen, egal auf welcher Plattform, ist scheußlich und gehört für mich blockiert, gemeldet und rausgeschmissen. Diskriminierung hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun!Ich persönlich möchte niemanden wehtun, auch nicht aus Rache. Kann mir jemand sagen, warum das andere Menschen wollen?

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