Cortisol als Droge & die Frage nach Genesung

Triggerwarnung

Eine Decke, die ist warm. Sie schützt den Körper vor Kälte und wenn es gut läuft, dann ist diese Decke nicht kratzig, sondern weich wie ein Katzenbaby. Von mir aus auch Welpen. Oder Robbenbabys. Oder ein Mensch mit echt weicher Haut.Sich eine Decke über zu ziehen und sich hinein zu kuscheln, ist eine leichte Sache, eine logische Schlussfolgerung und auf die Idee kommen alle, egal welchen Alters. Ich habe meine Decke verloren. Ich habe den Schlüssel, die Lösung und die Wärme verloren, so kommt es mir jedoch vor und das liegt nicht daran, dass meine Hände blau sind, während meine Finger auf der Tastatur herumtippen. Manchmal würde ich gern verstehen, warum mir der Antrieb fehlt mir eine neue Decke zu kaufen, mich in sie hinein zu rollen und mir damit etwas Gutes zu tun. Statt im Kuschelmodus durch über Matratzen und durch Schlafzimmer zu gehen, rammel ich Tag ein Tag aus mit dem Kopf gegen Steine, lasse mich auf ihnen nieder und wundere mich, warum ich nicht nur blaue Finger, sondern auch blaue Flecken habe. 
Tief in mir drin habe ich den Drang zu genesen, alles richtig zu machen, nett und lieb zu sein, Menschen zu tolerieren, zu genügen und für meine Mitmenschen ein sozialer Geselle zu sein. Ich versuche mit ein wenig Sonnenschein Licht ins manchmal nebelbedeckte Leben zu bringen, meistens bekommt man dann ein Lächeln zurück, selbst wenn es Montag früh ist und viele Köpfe, inklusive meiner, noch schlummern. In einer Zeit, wenn Unschuldige büßen müssen, wie jeher, Panik und Angst die am Stärksten vertretenden Emotionen sind und Weltschmerz mit medialer Dummheit gehemmt wird, sehe ich es Ehre und Aufgabe ein kurzes, minimales Lächeln bei anderen auszulösen. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto schlimmer werden die Selbstzweifel und ich bleibe lahm und taub auf den Steinen sitzen, schaue sie mir stundenlang an und schmiede Pläne, wie ich sie feilen kann. Doch eine Feile habe ich nie in der Hand, nur Gedanken im Kopf. Schwere Gedanken.
Im kuschlig warmen Zustand mit einer extrem weichen Decke würde ich mir wahrscheinlich keine Sorgen machen und mir würde es leichter fallen, zu wissen, wo meine Grenzen und Möglichkeiten sind. Aber ich bin ehrlich, während ich mir wünsche nicht Anne zu sein, ich bin ein ratloses Kopfkissen, was nicht einsehen will, dass es keine Decke geworden ist. Ich würde gern einfach rumliegen, mich ausschütteln und neu beziehen, aber ich modere in meiner Ecke und ärgere mich über den Zustand. Das Schlimme ist, dass es mir gut geht. Ich kann nicht klagen und trotzdem schafft es mein Kopf ganz gut sich in die Dramen und Konflikte um mich herum hineinzusteigern. Ich will helfen, kann aber nicht. Ich will helfen, darf aber nicht. Ich will helfen, soll aber nicht. Ich will mir nicht helfen. Ich will vor mir wegrennen und kann aber nicht. 
Während ich es mir als Kissen auf kalten Steinen und einer modrigen Matratze gemütlich mache, ist mir bewusst, dass dieser Zustand wandelbar ist. Ich merke, wie ich durch Gespräche, Bücher und Skills immer besser im Leben werde. Aber es ist unfassbar ermüdend auf dieser Matratze. Es zerrt an mir, jeden Tag an mir zu ackern, zu überdenken, was ich tue und dabei nach außen hin einen perfekten Schein der Unperfektion zu bewahren.
Ich habe so viele Theorien in mir und bleibe enttäuscht von mir selbst auf Steinen liegen, weil ich die Umsetzung in meinem Alltag nicht unterbringe. Zu meinen, dass man einfach keine Zeit hat, ist eine bequeme Rechtfertigung. Jedoch ist es in Wahrheit so, dass das Bequeme uns bzw. mir bekannt ist und die Angst vor Veränderung hinsichtlich positiveren Denken und Achtsamkeit ist stärker verankert, als das Umlenken und Bemerken, dass es sich lohnen kann, sich von den Steinen zu erheben und das Kissen zu erweitern, bis es zur Decke wird. Denn erst wenn das passiert, kann ich anderen Wärme schenken. Erst wenn ich selbst achtsam mit mir umgehe und mein Denken umstrukturiere und in ein positives umwandle, kann ich auch für Menschen da sein und helfen.
Mein Gehirn hat sich so sehr an das Cortisol gewöhnt, dass es quasi süchtig danach ist und während Stress auch Vorteile hat, sind die Nachtteile eindringlicher und führen zur Abwärtsspirale, in der ich mich seit acht, neun oder gar zehn Jahren befinde. Ich bin ein gestresstes Kissen und möchte es nicht sein.
Immer die Erwartung zu haben, dass mir Therapien helfen könnten, führten heute zur Erkenntnis, dass ich darauf scheiße und gleichzeitig mir wieder eine Therapie wünsche. Ich sehe es als Chance selbstständig zu lernen, ohne einer wöchentlichen Bestandsaufnahme. Doch ich bin bequem und muss mir eingestehen, dass von Kaffee trinken allein kein achtsamer Umgang mit mir und meinen Mitmenschen herbeikommt.
Allein, dass ich mittlerweile Sonntage als Ruhetage für mich annehme, zwar mit schlechtem Gewissen, weil ich in meinen Augen nichts Produktives mache, ist ein Fortschritt.
Ich lerne, Tag ein Tag aus.
Ich bin gewillt und habe kein Bock mehr auf das Bild eines jungen Psycho reduziert zu werden, obwohl es vielleicht ganz gut wäre, wenn ich mir meine Krankheit mehr eingestehen würde. Da kann ich noch so viele Texte schreiben, aber Fakt ist, dass ich dieses Tippen für Leser, wie dich, mache und nicht zur Selbsttherapie, denn die kann nur bei einem selbst stattfinden und nicht, weil man etwas Schwarzes auf Weißes bringt.
Jetzt bringe ich mich in den Kuschelmodus und feile mir die Steine unter mir ein bisschen weniger spitz und mehr aushaltbar.

Lass‘ es dir gut gehen, du wunderbarer Leser.

5 Antworten auf „Cortisol als Droge & die Frage nach Genesung

  1. Liebe Anne, ein toller Text von dir. Vieles von deinem Geschriebenen kenne ich aus eigener Erfahrung. Dass wenn doch alles gut scheint, ich nicht bequem zu mir selbst bin. Ich versuche eine Rolle zu finden, die es doch noch gar nicht gibt. Zu mir selbst zu stehen, ohne mich in ein Umfeld zu fügen. Einfach sein und den Moment geschehen lassen ohne große Analyse.

    Gefällt 1 Person

    1. Schön, dass ich dich damit erreichen konnte! & ich hoffe, dass du irgendwann eine Rolle für dich als Individuum findest, in der du einen vertretbaren Sinn siehst.
      Danke für deinen lieben Kommentar!

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