Über die Körperschemastörung

Achtung Triggergefahr

Vor einigen Jahren begann in mir die Angst davor ‚mehr zu werden‘, im Sinne von Gewichtszunahme und größere Kleidungsgröße. Ich hungerte und gab mal mehr, mal weniger viel Acht darauf, wie ich aussehe, wie ich mich bewege und rüberkomme. 

Und vor nicht allzu langer Zeit versuchte ich dadurch entstandene Zwänge abzulegen. Ich zwang mich selbst oft dazu weite Kleidung zu tragen, mit Schmuck oder Frisuren von meinem Körper abzulenken oder/ und Bäder zu meiden. Das ist nur eine kleine Auswahl dessen, wie sich meine Gedanken in Handlungen umsetzten. Doch damit sollte langsam Schluss sein. Es kursiert ein Bild von mir in meinem Kopf herum, habe Ideale, wie ich zu sein habe und diese zu erreichen ist ganz klar unmöglich. Mittlerweile trage ich gern ein enges Kleid oder traue mich mit Sportleggings einen Spaziergang zu machen, doch diese kleinen Steps und Herausforderungen sind schwerer, als es vielleicht den Anschein macht.
Ich wollte tunlichst vermeiden Cellulite zu bekommen, obwohl ich rational betrachtet wusste, dass sich dies nicht, durch Hungern und Sport, aufhalten lässt. Gestern dachte ich, dass ich mir mal etwas Gutes tun sollte. In der Therapie habe ich gelernt, dass es sich positiv auf eine schlechte Stimmung auswirkt, wenn man nett zu sich selbst ist- bewusst! Also nahm cremte ich mir meinen Körper ein. Irgendwie habe ich dabei jedoch mein Ziel verfehlt und wurde nur noch grummeliger, weil ich Dellen und neue Adern an meinen Beinen entdeckte. Mir ist klar, dass das sehr absurd klingt und ich von außen betrachtet übertrieben denke. Oft wird mir nachgesagt, dass ich meinen Körper falsch wahrnehme. Das kann ich nicht beurteilen, aber mein Kopf ist sehr stur und denkt sich: Ich sehe das, also muss es wahr sein. 

In der Therapie habe ich noch etwas gelernt, nämlich das lange Wort Körperschemastörung, jenes so viel bedeutet, dass man den eigenen Körper verzerrt wahrnimmt. Bei anorektischem Krankheitsbild führt es meist dazu, dass man an sich mehr sieht, als der Körper tatsächlich hergibt. Da ich diese Störung laut schlauen Tests und Psychologen ‚habe‘, könnte ich davon ausgehen, dass ich gar nicht so dick bin, wie ich mich sehe. Aber darauf ruhe ich mich nicht aus und besonders in Phasen, in denen es mir nicht fabelhaft geht, schaffe ich es nur im Glücksfall so rational zu denken. 

Es sollte egal sein, wie der Körper aussieht. Denn das Wichtigste ist, dass man sich wohlfühlt und man gesund ist. 

Mein Körper funktioniert und darüber kann ich froh sein. Ich habe eine Gegenwehr im Kopf. Denn so gesehen funktioniert mein Körper, aber wenn man meinen Kopf dazu zählt, sieht die Sachlage wieder anders aus. Der große Unterschied ist lediglich, dass man meine Gedanken oder anders gesagt, die Krankheit nicht sehen kann. 

Ich weiß, dass viele darunter leiden. Sätze wie: „Das ist doch nur eine Phase.“, „Stelle dich nicht so an.“, „Jeder ist mal traurig.“ „Niemand ist mit seinem Körper zufrieden.“ sind vielleicht erstmal gut gemeint, aber nicht hilfreich. Klar, man muss keine heilende und lösungsorientierte Aussage bringen, die zugleich motivierend und tröstend ist. Wir sind nun einmal nicht perfekt und das sollte man auch von niemanden erwarten. So wie eben auch mein Körper nicht perfekt ist, mein Gehirn auch nicht. 

Was stelle ich jetzt mit meiner Cellulite an? 

Gar nichts. 

Oh ja, das wird hart und ich kann es mir, wenn ich wirklich ehrlich bin, nicht vorstellen meinen Körper so zu akzeptieren. Aber es muss möglich sein.

So sehr ich an mir zweifle und manchmal mit dem Kopf gegen die Wand renne, ich glaube an diesen einfachen Kalenderspruch, der besagt, dass es nicht wichtig ist, wie oft man fällt oder wie tief, sondern, dass man wieder aufsteht.

3 Antworten auf „Über die Körperschemastörung

  1. Oh Scheiße ja, genau so geht’s mir auch! Ich habe keine diagnostizierte Essstörung, ich erbreche mich nicht oder hungere über einen längeren Zeitraum, aber ich achte auf gesunde, und manchmal auch wenige Nahrung und mache Sport. Trotzdem nehme mich viel dicker wahr als ich bin. Das führt, wie du auch schriebst, zu Unzufriedenheit und Unwohlsein, und dazu, dass ich keine Komplimente annehmen kann. Objektiv gesehen bin ich normal bis schlank, und es gibt Menschen, die mir ehrliche Komplimente zu meiner Figur machen. Ich freue mich auch über solche Kommentare, kann sie aber nicht annehmen, weil ich im Spiegel etwas ganz anderes sehe. Wenn dir eine Idee kommt, wie man damit besser umgeht, immer her damit!

    Liebe Grüße!

    Liken

    1. Danke, dass du das so ehrlich mit mir und den anderen Lesern teilst! Schaue gern die anderen Beitrage über Magersucht durch, da habe ich schon viele Tipps gegeben. Ich werde aber noch einen neuen Beitrag schreiben, in der Hoffnung Dir ausführlich Antworten geben zu können. Lebe! ☀️

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  2. Liebe Anne, danke für den schön geschriebenen Beitrag. Ich kann das alles gut nachvollziehen und doch ist es bei mir anders. Was wieder deutlich macht wie wichtig in unserer Gesellschaft das Erscheinungsbild ist. Als ich ein junges Mädchen war und als Kind war ich schon übergewichtig. Nicht richtig dick, aber die tollen Klamotten meiner Klassenkameradinnen sahen bei mir nicht gut aus. Bauchfleisch?! Auf keinen Fall!! Damals war ich zudem sehr schüchtern. Der Vater meines Vaters und die Schwester dessen lebten mit auf unserem kleinen Hof und haben immer auf sehr moralisch getan. Sonntags Kirche. Harte Arbeit. Eine ewige Moralschiene, obwohl sie sich insgeheim selbst nicht dran gehalten haben. Ständig Streitereien, wer das Sagen auf dem Hof hat durch den Öhm (Großvater) und was denn die Nachbarn denken. Deswegen war ich froh etwas weniger dünn zu sein und unsichtbar. Es war wie eine falsche Erleichterung. Ich werde nicht gesehen, ich kann nicht angeschrien oder angemeckert werden. Weil ich faul, dumm bin und keine Ahnung habe. Nicht mitreden soll. Heute geht es mir viel besser, auch wenn ich fülliger bin. Aber es macht mich immer noch traurig wie über ein Körperbild auf ein Selbstbild geschlossen wird.

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